Stuttgarter Nachrichten 04.10.2008
von Uwe Bogen
50 plus: Was die CSU verfehlte, hat Kevin Tarte besser gemeistert als er‘s mit
Ende 40 für möglich hielt. In Oberhausen kehrt Stuttgarts Musicalstar zu seiner
Paraderolle bei „Tanz der Vampire“ zurück - und hat doch vieles im Leben
geändert. Am 333-Telefon sprach der 51-jährige Neu-Single über das Älterwerden,
über Träume, die keinen Aufschub dulden, und über die Zauberkraft der
Spontanität.
Graf Krolock hat die ganze Ewigkeit noch vor sich und leidet am düsteren
Verlangen, das ihn ohne Erbarmen immer wieder antreibt. Kevin Tarte, der den
Chef-Vampir der kultig-witzigen Polanski-Show 820-mal gespielt hat, kommt von
seiner Paraderolle nicht los (am 8. November ist Premiere im Metronom-Theater in
Oberhausen) - und weiß doch, dass ein Mensch, anders als ein Vampir, der
permanenten Wandlung unterliegt.
Denn der Mensch altert.
Was passiert mit einem Musicalsänger, den seine weiblichen Fans wie einen
Popstar bejubeln, wenn er 50 wird? Kevin kann sein Alter zwar gut verbergen, wie
der Aktkalender der Stuttgarter Musicaldarsteller zeigt, in dem er das Lächeln
eines US-Sunnyboys wie eh und je draufhat. Doch wie lange kann er den
jugendlichen Helden noch spielen? Wo sind andere gute Rollen für die
Ü-50-Überlebenden?
Zwei wichtigen Tatsachen muss sich jeder stellen, den das Madonna-Alter packt:
Erstens ist man nicht mehr Teil der jungen Generation. Und zweitens hat man
nicht mehr die Hälfte seines Lebens vor sich.
Kabarettist Mathias Richling, 55, hat das Problem für sich gelöst, indem er zum
Fitbleiben „das Übliche“ tut: „Also alle zwei Wochen Lifting - Busen, Po,
Rücken, Füße vergrößern, bei Bedarf abnehmbare Nase.“ Ansonsten, vertraut
Richling unserer Zeitung an, sollte man sich einfach nicht ums Alter kümmern:
„Ich habe seit Jahrzehnten nicht mehr in meinen Pass geschaut.“ Ein raffinierter
Trick! Ich werde meinen Pass sofort vor mir verstecken!
Kevin Tarte zählt zu den wenigen älteren Musicalkünstlern, die kein Geheimnis
aus ihrem Geburtsdatum machen. Einen Anlass für ein großes Fest sah der
Amerikaner mit den stechend blauen Augen allerdings nicht, als er 50 wurde: „Ich
ging mit Freunden zum Skifahren.“
Die folgenden Monate nutzte er, um viele Dinge in seinem Leben „neu zu
sortieren“. Es war keine leichte Zeit. Trennung vom Freund, mit dem er jahrelang
zusammengelebt hatte, Absagen beim Casting, Zweifel und Ängste vor der Zukunft.
„Die Begegnung mit einer Schamanin hat mir sehr geholfen“, sagt Tarte am
333-Telefon, „ich merkte, dass ich innerlich blockiert war, und kam zu neuer
Energie.“ Frisch motiviert stürzte sich Tarte in neue Projekte (mit der
Lumberjack Big Band nahm er die starke Swing-CD „Jump“ auf) und fand heraus,
dass es jenseits der 50 Träume gibt, von denen man in jungen Jahren nichts ahnt.
„Man darf nichts aufschieben“, meint Tarte, „muss spontan alles anpacken und das
Jetzt genießen.“ Wer nur darüber klagt, dass er reif für den Seniorenteller ist,
verpasst zu viel. Kevins Devise: „Just do it!“ Mach“s doch einfach!
Bei den Proben in Oberhausen traf Tarte seinen Entdecker, der mit 73 Jahren das
„Just do it“ nicht verlernt hat. Im März 2000 hatte Roman Polanski den
Amerikaner für die Hauptrolle bei der Deutschland-Premiere von „Tanz der
Vampire“ in Stuttgart selbst ausgewählt.
„Polanski hat diesen Witz“, findet Tarte, „sein Musical macht sich über die
Vampir-Filme der 70er lustig.“ Die Ironie und das Leichte Polanskis gefallen dem
Mann aus Seattle, der seit elf Jahren Stuttgarter ist und auch jetzt nicht
fortzieht. Als alternierender Krolock singt er zwei- oder dreimal pro Woche in
Oberhausen bis Herbst 2009 die Hits seines Lebens. Kehren dann die Vampire als
Nachfolge-Show für „Wicked“ für kurze Zeit nach Stuttgart zurück? Bei der Stage
Entertainment gibt‘s diese Idee. Denn Fans der Vampire werden vom ewigen
Verlangen getrieben. Wahre Leidenschaft, wie beruhigend, kennt kein Alter. Doch
Alter, was ist das? Ich kann meinen Pass nicht finden.