Bad Hersfelder Festspiele: West-Side-Story - Bericht von Jürgen Heimann
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Mit Volldampf aus dem „Tal der Tränen“: Die Bad Hersfelder
Festspiele finden zu alter Form zurück
Die Bad
Hersfelder Festspiele haben ihr musical-isches Formtief offenbar überwunden.
Nach den eher bescheidenen Spielserien der beiden vergangenen Jahre mit einer
mäßigen Jekyll & Hyde-Inszenierung und einem eher durchschnittlichen „Les
Misérables“ melden sich die Osthessen mit Wucht zurück und sind auf dem besten
Wege, an ihre großen Erfolge der Vergangenheit anzuknüpfen. Mit der „West Side
Story“ glückt der scheidenden Intendantin Elke Hesse ein furioser Ausstand. Und
das hat es auch lange nicht mehr gegeben: Schon jetzt, wenige Tage nach der
Premiere, sind alle Karten für die 30 Vorstellungen (Voraufführung mitgerechnet)
dieses Bernstein-Geniestreiches vergriffen. Diesem großen
Vertrauensvorschuss des Publikums werden die Festspiele auch gerecht. Spätestens
nach dem Jet-Song wird auch dem Letzten in der ausverkauften, 1636 Besucher
fassenden Stiftsruine klar: Der Abend ist gerettet!
Und dabei hatte die an einen Löwenkäfig
erinnernde, im Zentrum der Bühne platzierte Stahlkonstruktion bei dem ein und
der anderen durchaus schlechte Erinnerungen (und ebensolche Vorahnungen)
geweckt. Schließlich hatte Vorjahres-Regisseur Frank-Alva Buecheler weiland mit
der sinnfreien und überzogenen Verwendung von großen Gitter- und Gerüstelementen
seine Jekyll-Inszenierung ziemlich verhunzt. Doch entsprechende Befürchtungen
diesmal waren unbegründet. Im Gegenteil: Der überdimensionale, zweiteilige
Eisenkäfig ist ein variabler Raumteiler und erweist sich als
multifunktionsfähige, innenarchitektonische Mehrzweckwaffe. Darüber hinaus
genügen einige wenige Interieur-Fragmente völlig, um wechselnde Schauplätze wie
eine triste Hinterhof-Kulisse, das Brautmoden-Atelier, Marias Schlafzimmer oder
den Drugstore zu visualisieren. Trotz dieser spärlichen Möblierung wirkt das
Bühnenbild, für das Heinz Hauser verantwortlich zeichnet, alles andere als
billig. Vielleicht gerade dadurch wird atmosphärische Dichte erzeugt. Ein
Eindruck, der durch das sensible und stimmige Lichtdesign (Lukas Kaltenbäck/Hartmut
Litzinger) noch betont und verstärkt wird.
Eine echte Herausforderung
An der 1957 im New Yorker Winter Garden Theatre uraufgeführten „West Side Story“, die als erfolgreichstes Bühnenstück aller Zeiten gilt, haben sich schon viele verhoben. Das Stück, die „Mutter des modernen Musicals“, ist eine Herausforderung für jeden ambitionierten Regisseur und eine noch größere für die Choreografie-Fraktion. Mit Matthias Davids und Melissa King hatten die Hersfelder dahingehend eine hervorragende Wahl getroffen. Beide hauchten dem in den 50er Jahren im Emigrantenviertel auf New Yorks Upper Westside angesiedelten Krieg zwischen den spät pubertierenden, perspektivlosen Mitgliedern zweier verfeindeter Halbstarken-Gangs neues Leben ein. Darin eingebunden eine berührende Love-Story zwischen Romeo, der hier „Tony“ heißt, und seiner „Maria“ getauften Julia. Um Authentizität bemüht, erlag Davids nicht der Versuchung, die (sowieso zeitlose) Story zu modernisieren und/oder in die Neuzeit zu verlegen. Das ist und war auch nicht notwendig, denn thematisch ist der Stoff hoch aktuell: Intoleranz und (Fremden-)Hass sind so alt wie die Menschheit.
Als ein einziger „Bulle“ eine
komplette Hundertschaft ersetzte
Was damals im Land der
unbegrenzten Möglichkeiten die puertoricanischen „Sharks“ und die sich aus Neu-Amerikaneren
polnischer Herkunft rekrutierenden „Jets“ waren, könnten heute bei uns in „good,
old Germany“ die Türken der dritten Generation und die deutschstämmige
Übersiedler-Jugend aus dem zerfallenen Ostblock sein. Spannt man diesen Bogen,
ist der Konflikt, um den es vordergründig in dem Musical geht, keineswegs Schnee
von gestern, sondern höchst aktuell. Die Parallelen sind offensichtlich. Mit dem
Unterschied, dass heuer die Autorität eines einzigen „Officer Krupke“ kaum
genügt, um einen Mob sich bekriegender Rowdies in die Schranken zu verweisen.
Auch die Wahl der Waffen hat sich gewandelt. Statt wie damals Fäuste, Knüppel
und Messer gehören heute an den sozialen Brennpunkten der Metropolen
Schnellfeuergewehre, Pump-Guns und Handgranaten zur materialischen
Grundausstattung rivalisierender Gossen- und Gassen-Rambos. Da bedarf es
mitunter schon einer Hundertschaft Bereitschaftspolizei oder der Hilfe eines
Mobilen Einsatzkommandos, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen.
Ein Biderbuch-„Anton“ und zwei
umwerfende Frauen
Dem Publikum in Europas größter
romanischer Kirchenruine präsentiert sich eine handverlesene, vor Energie und
Spielfreude strotzende Spitzen-Cast. Da ist jeder Charakter bis in die hinterste
Reihe treffsicher, mit viel Gespür und Bedacht besetzt worden. Das fängt bei
„Anton“ (Christian Alexander Müller) an und hört bei „Mariechen“ (Leah
Delos Santos) noch lange nicht auf. Mit Maaike Schuurmans als
feurig-temperamentvolle Puertoricanerin „Anita“ ist die vorjährige Hersfelder
Ehrenpreisträgerin wieder am Start – mit souveräner Ausdrucks- und Stimmstärke.
„Deutschlands jüngstes Phantom“, der in seiner Rolle von anderen
West-Side-Inszenierungen her erfahrene Müller, ist ein „Tony“ wie aus dem
Bilderbuch, sympathisch, überzeugend, brillant, charmant und vokal absolut auf
der Höhe. Und mit Leah Delos Santos steht ihm eine ebenbürtige Partnerin als
„Maria“ zur Seite. Die zierliche Philippinin spielt und singt hingebungsvoll.
Sie gehört zu den ganz großen Künstlerinnen des Musical-Genres.
Furioses Ensemble –
„Action“ sorgt für Action
Typgerechter als mit Nivaldo Allves
hätte man „Bernado“, den Anführer der „Sharks“, gar nicht besetzen können. Und
das gilt in gleichem Umfang auch für Nielson Soares als „Chino“. Und Bernados
Gegenspieler von den „Jets“, Philippe Ducloux („Riff“), ist ein Streetfighter
par excellence. Aus der Masse der Bandenmitglieder sticht Marc Seitz hervor, der
dem Part des aufbrausend-cholerischen „Action“ mit viel Dynamik und
Körpereinsatz ein ganz eigenes Profil verleiht. Es macht einfach Spaß zu
zusehen, wie Seitz das „HB-Männchen“ gibt und mit schöner Regelmäßigkeit
explodiert. Frank Buchwalds Inspektor Schrank ist ein bestechend cooler
(Pragmatiker-)Typ mit unverhohlenen rassistischen Zügen, während Manfred Stella
als Drugstore-Betreiber „Doc“ eine gute Figur macht. Ein Kompliment, das auch
Heinrich Cuipers als „Officer Krupke“ gebührt. „Gee, Officer Krupke“ ist denn
auch der Titel des witzigsten und schrägsten Liedes des Abends, in dem sich die
„Jets“ über jedwede Sozialisierungsversuche verbeamteter Streetworker und
amtlich-psychologischer Gutmenschen lustig machen. Die Dialoge sind zwar
allesamt in Deutsch gehalten (die deutsche Fassung stammt von Frank Thannhäuser
und Nico Rabenald), die Songs jedoch im englischsprachigen Original
belassen. Dem des Englischen nicht ganz so mächtigen Besucher erschließen sich
so die intelligenten und satirischen Texte eines Stephen Sondheim leider nicht
in allen Nuancen, was gerade beim Krupke-Song schade ist.
Die Bedeutung der West Side Story, die bis in die heutige Zeit
Gültigkeit hat, liegt vor allem in der bis dato unübertroffenen Verschmelzung
von Schauspiel, Musik und Tanz zu einer Form des „totalen Theaters“, wobei vor
allem das einzigartige, atemberaubende Bewegungsvokabular zum beinahe
wichtigsten, dramaturgischen Stilmittel gerät. WWS-Ur-Choreograf Jerome Robbins
hätte seine helle Freude daran, könnte er sehen, wie kraftvoll, atemberaubend
und präzise die Tanzsequenzen hier umgesetzt und weiter entwickelt worden sind.
Jeder einzelne Tänzer muss ein ganz bestimmtes, auf die jeweilige Figur
zugeschnittenes, individuelles Repertoire an Gesten einstudieren. In der Summe
entsteht dadurch stilisiertes Tanztheater, das die bis aufs Messer geführten
Auseinandersetzungen in dem benachteiligten Einwanderer-Milieu Manhattans
intensiver und konzentrierter widerspiegelt, als es jede noch so realistische
Darstellung vermag. Und das ist auch das große Verdienst von Melissa King, die
Wochen lang eisern mit dem Ensemble gearbeitet und dabei weder dieses noch sich
selbst geschont hatte.
Die unvergänglichen Melodien wurden zu
Welthits
Das große 23-köpfige und von Christoph Wohlleben geführte Orchester intoniert
die anspruchsvolle Partitur Leonard Bernsteins erfrischend, kraftvoll und
prätentiös. Der zeitlos-modernen, spannungsgeladene Partitur entstammen so
unsterblichen Melodien wie beispielsweise
„Maria“, „America“, „Tonight“, „One Hand, one Heart“ oder Somewhere“. Die Musik
hat ja in der West Side Story, abgesehen von ihrem Unterhaltungswert, eine
mehrfache Funktion, nämlich die beiden Handlungsstränge, das dramatische
Geschehen und die lyrisch-sentimentale Liebesgeschichte, stilistisch zu
verdeutlichen sowie die Story als Ganzes zu untermalen und voranzutreiben. Ganz
nebenbei glückten dem Meister dabei einige unsterbliche Melodien, die trotz
(oder gerade ob) ihrer teilweisen Komplexität, der Integration dissonanter
Elemente und der Überlagerung diverser Rhythmen zu Welt-Hits wurden.
Elke Hesses Abschiedsgeschenk
Für die Festspiele in Bad Hersfeld ist
diese „West Side Story“, die noch bis 2. August zu sehen ist, ein Glücksfall.
Karten gibt es freilich, wie erwähnt, so gut wie keine mehr. Es sei denn auf dem
„Schwarzmarkt“. Die Inszenierung krönt die hiesige Arbeit der scheidenden
Intendantin, die sich damit selbst ihren größten Wunsch erfüllt hat. Ihr
designierter Nachfolger wird als erste Musical-Produktion entgegen
ursprünglichen Bekundungen nun doch nicht das angestaubte „My Fair Lady“
auf den Spielplan setzen. Etwas moderner soll und darf es schon sein. Die
Entscheidung, was, fällt in den nächsten Wochen. Man darf nach einigen
Enttäuschungen wieder gespannt sein, was die Hessen zu bieten haben. JÜRGEN
HEIMANN