Simply the Best! Pfingtsgala mit den
Topstars der Musicalszene
Was für ein Saisonauftakt! Temperamentvoller vokaler
Marathonlauf in Tecklenburg
Einen schwungvolleren, schöneren und prächtigeren Start in die neue
Spielsaison hätten sich Veranstalter und Zuschauer nicht wünschen können. Und
die „Hütte“ war „rappelvoll“. Wieder eine Stimmung wie im Fußballstadion. 2.300
Gäste füllten am Pfingstmontag den Zuschauerraum der Tecklenburger
Freilichtbühne – so viele, wie noch nie zuvor bei diesen traditionellen
Spielzeit-Eröffnungsshows. Und: Was das Programm und die darin involvierten
Künstler angeht, haben sich die Münsterländer endgültig und deutlich von allen
anderen vergleichbaren Galaveranstaltungen dieser Art abgesetzt und die
Konkurrenz somit auch in diesem Punkt um Längen hinter sich gelassen. Die
Pool-Position gehört ganz klar den Tecklenburgern.
Es war, ob’s nun abgedroschen klingen mag oder nicht, ein Auftakt nach Maß! Und
was für einer. Und dass Intendant Radulf Beuleke
(„Wir machen Theater mit Herzblut“) bei dieser Gelegenheit aus der Hand
von Da Capo-Chefredakteur Jörg Beese
seinen vierten Da Capo-Award für das beste Short Terme--Musical der letzten
Saison („3 Musketiere“) entgegen nehmen konnte, machte für diesen und die Seinen
die Sache erst richtig rund.
Tecklenburg
proudly presents
Exponierte
Repräsentanten aus der Königsklasse der deutschsprachigen Musicalszene hielten
im weitläufigen Open-Air-Theater auf der Burg Hof – locker, ungezwungen,
temperamentvoll, mit viel Esprit, Spielwitz und Schlagfertigkeit. Wo sonst
bekommt der geneigte Konsument eine solch geballte Ladung an künstlerischer
Kompetenz, Stimmkraft und Popularität geboten? Tecklenburg
proudly presents: Pia Douwes, Sabrina Weckerlin, Anne Welte, Filipina Henoch –
Ladies first. Und die “Herren der Schöpfung” waren, was die großen Namen
anbelangt, auch nicht gerade unterrepräsentiert: Patrick Stanke, Jan Ammann,
Marc Clear, Marc Seitz und Sascha Krebs. Und sie alle, Männlein wie Weiblein,
bewiesen Standvermögen – nicht über die angekündigte Zeitdistanz von drei
Stunden hinweg, sondern derer fast vier. Da war eine volle Packung an Sang und
Klang. Getrieben und gestützt von Klaus Hillebrecht und seiner brillanten Band
joggten die Akteure vokal, choreografisch und komödiantisch durch den langen
Abend, während dem das Publikum oft mehr stand als saß.
Die Mischung macht’s
„Musical meets Pop“ lautet seit 16 Jahren das unveränderte Motto dieses
Spektakels. Entsprechend werden auch die Freunde beider Genres bedient, wobei
die Grenzen allerdings immer recht fließend sind. Ein bisschen Swing und Chanson
darf natürlich auch dabei sein, und ein bisschen mehr an Rock’n‘Roll auch.
Während der erste Teil immer fast ausnahmslos den großen, durchaus aber auch
einmal den weniger bekannten Perlen aus der Welt des Musiktheaters vorbehalten
ist, rockt nach der Halbzeit mit fortschreitender Stunde das Haus. Davon
abgesehen nutzen die Gastgeber diese Gelegenheiten immer auch weidlich, um
Werbung in eigener Sache bzw. die neuen in der aktuellen Spielzeit anstehenden
Produktionen zu machen. Das sind in diesem Jahr Gershwins Wild-West-Revue
„Crazy for you“, das am 25. Juni seine bejubelte Premiere hatte, und der
Webber-Klassiker „Jesus Christ Superstar“ unter der Regie von Marc Clear, für
den sich am 29. Juli erstmals der imaginäre Vorhang hebt.
Hier steppt der Bär
Dass die jeweiligen Hauptdarsteller für diese PR auf der Matte stehen, ist klar.
Im Fall von „CfJ“ waren und sind das Filipina Henoch und Marc Seitz, die mit
einigen wunderschön gesungenen und getanzten Appetithappen („Kann ich bleiben“)
gespannte Lust auf mehr machten. In die gleiche Kerbe schlugen da die
amtierenden Steppweltmeister der Tanzschule Kerstin Albrecht, die mit ihren
schwungvollen Einlagen eine Ahnung erweckten, auf was die Besucher sich
einzustellen haben. Hier steppt dann wirklich der Bär!
Comeback mit Strom
„Ich bin zurück in Tecklenburg“ freute sich Patrick Stanke, der
spätestens nach seinen beeindruckenden „Jekyll & Hyde“- und
„Mozart“-Interpretationen beim hiesigen Publikum sowieso einen dicken Stein im
Brett hat und nach einjähriger Pause eine Art lokales „Comeback“ anvisiert.
Wobei „lokal“ etwas zu kurz greift. Die Besucher der Bühne kommen, wie
Erhebungen belegen, aus allen, selbst den entlegendsten Teilen des Bundesgebiets
und sogar aus dem europäischen Ausland. Der Wuppertaler wird in diesem Jahr die
Titelrolle bei „Jesus Christ“ übernehmen und zeigte mit „Gethsemane“ allen, den
Fans ebenso wie den Skeptikern, wo der Hammer hängt, allerdings mit, nicht ohne
Strom.
Mitgebracht hatte der „Überflieger“ seine Freundin Sabrina Weckerlin, die junge
deutsche Antwort auf Pia Douwes. Das mit unglaublicher Stimme und
eindrucksvollem Charisma gesegnete blond gelockte Schwarzwaldmädel hatte sich
für einen Tag im neuerdings in Fulda gelegenen Vatikan beurlauben lassen, wo es
aktuell als „Die Päpstin“ auf der Bühne des Schlosstheaters steht. Um eine
kleine Kostprobe aus diesem neuen Dennis Martin-Werk kam sie mit dem
wunderschönen, melancholischen „Einsames Gewand“ selbstverständlich nicht herum.
Ein dramatischer, emotionaler-balladesker Song, der der jungen Aktrice wie auf
den Leib geschrieben ist. Allerdings dürfte er keine Chance haben, beim nächsten
Katholikentag zu erklingen, wie Radulf Beuleke,
der im ersten Teil durchs Programm führte, ironisch anmerkte. Maßgebliche
Repräsentanten von „Ratzis“ germanischen Leadingteam sind, wie zu lesen war, ja
so angetan von dem neuen Musical nicht – ganz im Gegensatz zum Publikum.
Anne Welte, die der Intendant von der „Vokalgranate“ kurzerhand zur „Röhre“
beförderte, ließ mit dem Titelsong aus „Cabaret“ und später mit dem Shirley
Bassey-Hit „If I never sing…“ durchblitzen, was sie an mimischer und vokaler
Bandbreite drauf hat. Diese Frau zählt seit vielen Jahren zu den
außergewöhnlichsten Konstanten der deutschen Musicalwelt.
Lachen mit Udo, Herbert und Horst
Genau so lange, wie es die Tecklenburger Pfingstgala in dieser Form gibt,
nämlich seit 16 Jahren, ist hier auch Sascha Krebs mit von der Partie. Der
Mannheimer mit dem losen Mundwerk ist nicht nur ein exzellenter Sänger und
Schauspieler, sondern auch ein begnadeter Entertainer und Komödiant. Als
Moderator fast unschlagbar – wenn man ihn lässt. Und diesmal ließ man ihn.
Allein seine gemeinsam mit Jan Ammann zelebrierte Persiflage auf Udo Lindenberg,
Herbert Grönemeyer und Horst Schlemmer war das Eintrittsgeld schon wert. Welch
ein hervorragender Vokalist Krebs ist, unterstrich er mit „This is who you are“
aus „Beethovens Last Night“ oder mit „Only the Good die young“ von Billy Joel.
Vamp trifft Vampir
Jan Ammann, aktueller Stuttgarter Ober-Vampir, gab seinen Tecklenburg-Einstand
und war der erste Künstler des Abends, der die 2.300 Gäste für mehrere Minuten
Standing Ovations von und aus den Sitzen riss, und zwar mit einer unglaublich
intensiven Interpretation der „Unstillbaren Gier“. Gruft-Graf trifft Kaiserin,
Klasse meets Klasse: Mit der „ToiFi“ (Totale Finsternis) aus dem Kult-Grusical
setzte er dann noch eins drauf, an der Seite und im Duett mit der „Grand
Dame“ und unumstrittenen „Kaiserin“ der europäischen Musical-Szene, „Ihrer
Majestät“ Pia Douwes. Hätte es überhaupt noch irgendwelche Zweifel an ihrer
High-End-Reputation gegeben, was aber sowieso nicht der Fall war und ist, in
„Teck“ wären sie restlos beseitigt worden. Mal als Lady, mal als Vamp und Femme
fatale mit viel Netzstrumpf-Bein machte sie eine überragende Figur, und das
durchaus auch im wahrsten Sinne dieses Wortes. Sie ist, wie der Titel des
gleichnamigen, zusammen mit Sascha Krebs vorgetragenen Queen-Songs: „A Kind of
Magic“. Und etwas „Rebecca“ musste einfach sein. Ab Dezember wird „die“
Douwes“ als „Mrs. Denvers“ in der deutschen Erstaufführung des Kunze/Levay-Hits
in Stuttgart auf der Bühne stehen.
Nicht mehr zu toppen
Etwas Tempo aus dem Formel-1-Lauf heraus nahm Multitalent und
Publikumsliebling Marc Clear mit dem wunderschönen „You raise me up“, um in
Folge, von Klaus Hillebrecht auf der Akustik-Gitarre begleitet, mit dem Leonard
Cohen-Song „Hallelujah“, ein Highlight des Abends zu setzen. Dass es Zugaben
hageln würde, selbst einige nicht geplante, war voraus zu sehen. Erst mit
„Higher and Higher“ von Jackie Wilson ließ das Publikum die Akteure von der
Bühne, ebenso erschöpft und begeistert wie dieses selbst. Es war ein
Abend, der keine Wünsche offen gelassen hatte. Einer, der kaum zu toppen ist.
JÜRGEN HEIMANN

Ladies first: Vokale Frauenpower in Tecklenburg. (v.l.) Sabrina Weckerlin, Anne
Welte, Filipina Henoch und Pia Douwes. Foto: Heiner
Schäfferenoch
Foto: Heiner Schäffer

Mannsbilder: (v.l.) Jan Ammann, Marc Seitz, Marc Clear, Patrick Stanke und
Sascha Krebs.
Foto: Heiner Schäffer

Schönes Paar: Marc Seitz und Filipina Henoch alias Bobby Child und Polly Baker
gaben einige Kostproben aus „Crazy for You“.
Foto: Heiner Schäffer.

Schwarzwälder Nachtigall: Für Sabrina Weckerlin langte Patrick Stanke mächtig in
die Saiten.
Foto: Heiner Schäffer

Gespornt und gestiefelt: Sascha Krebs half Intendant Radulf Beuleke vor dem
Crazy-for-You-Block in die Cowboy-Treter.
Foto: Heiner Schäfer.

Grande Finale: Erst nach vier Stunden ließ das Publikum die Künstler von der
Bühne. Beide Seiten hatten mächtig Spaß.
Foto: Heiner Schäffer

Die „Hütte“ war ausverkauft: 2300 Besucher kamen zur Eröffnungs-Gala nach
Tecklenburg –
und waren begeistert. Das Publikum stand mehr, als dass es saß. Foto: Heiner
Schäffer
