Anne Welte und Chris Murray im Gespräch
Über Spiegeleier, menschliche Abgründe und Schenkelklopfer:
„Ein kleiner Scrooge steckt in jedem von uns“
Von Jürgen Heimann
Chris Murray und Anne Welte zählen zu den „alten Hasen“
bzw. „Häsinnen“ im deutschsprachigen Musicalbusiness. Gestählt in und durch
unzählige Produktionen, haben sie sich in ihrer Jahrzehnte langen
Bühnentätigkeit nicht nur eine exzellente Reputation, sondern auch einen große
Fangemeinde und ein ebenso großes Repertoire erarbeitet Beide standen jeweils
schon im zarten Alter von 5 auf den Brettern und haben in Folge kaum ein
bedeutendes Stück ausgelassen. Dennoch sind die gebürtige Saarländerin und der
Wahl-Berliner Braunschweiger nicht in Routine erstarrt – was in ihrem Job
auch tödlich wäre. Sie freuen sich stets auf neue Herausforderungen, greifen
andererseits auch immer wieder gerne auf Liebgewonnenes, Althergebrachtes
zurück. Dazu zählt „Vom Geist der Weihnacht“, der in diesen Tage durch den
Kölner Musical Dome spukt und in dessen Umtriebe sie in der Vergangenheit schon
verwickelt waren. Chris Murray ist in der Rolle des Geizkragens Ebenezer Scrooge
zu bewundern, Anne Welte spielt die überschäumende „Mrs. Fezziwig“. Die beiden
Vokalgranaten tun das auf ihre eigene, unverwechselbare Art. Zwischen zwei
Vorstellungen standen die Künstler uns im Interview Rede und Antwort, plauderten
über seelische Abgründe, Kochkunst, Fallstricke, Yin und Jang,
„Grabschändungen“, die Kollegen, ihre weiteren Pläne und darüber, warum sie
keine Long-Run-Produktionen mehr bestreiten
Anne, kochst Du privat auch so gut wie Mrs. Fezziwig im
„Geist der Weihnacht“?
Anne Welte:
Nein,
nein, ich möchte das nicht machen müssen, was ich in dem Stück an Menüfolgen
aufzähle. Aber für Spaghetti und Nudelgerichte reicht es gerade bei mir. Und
Spiegeleier krieg ich auch noch hin. Ich seh‘ vielleicht so aus, und ich
esse auch gerne, aber ich bin jetzt wirklich nicht geborene Köchin.
Chris Murray: Aber
ich! Ich koche gerne – und zwar gut. Ich bin jetzt zwar nicht Alfons Schuhbeck,
aber es macht mir Spaß. Wenn ich zu Hause bin, gehört der Ofen mir. Profis an
den Herd!
Du hast den Scrooge ja schon in Berlin gespielt. Da gibt es
ja auch einige interessante Videoclips auf Youtube.
Chris Murray: (lacht) Ja
ich habe eine sehr aktive Fangemeinde und bin sehr dankbar dafür. Die
Leute sind wunderbar und haben da jede Menge Material zusammen getragen.
Worauf ich aber eigentlich hinauswollte. Wie viel von
Scrooge steckt denn in Dir selbst drin?
Chris Murray: Ne ganze
Menge. Ich glaube an das Prinzip von Jin und Yang. Wir alle haben eine dunkle
und eine helle Seite. Und es kommt nur drauf an, welche Seite wir durchschimmern
lassen. Ich glaube nicht, dass Menschen im Grunde genommen gut sind, ich glaube
aber auch nicht, dass sie nur schlecht sind. Sie sind beides. Es kommt nur auf
die Balance an, und darauf, was sie zeigen und rauslassen. Scrooge ist leider
Gottes in uns allen drin. Und hier im Musical Dome macht es mir Spaß, das weiter
heraus zu kehren.
Dem Publikum ist begeistert. Was gefällt Euch als Künstler
an dieser Show?
Anne Welte: Das ist eine
rührselige und wunderschöne Geschichte. Daraus ein Weihnachtsmusical zu machen,
war einfach eine schöne Idee. Ich spiele es auch sehr gerne und ich mach’s jetzt
im dritten Jahr. Ich habe mich wieder richtig drauf gefreut, nachdem ich im
Sommer den Anruf bekommen habe, ob ich wieder dabei wäre. Und ich würde es auch
ein viertes und fünftes Mal machen. Es sind ja auch immer nur fünf Wochen. Das
ist etwas anderes, als würde man eine Show acht Mal die Woche über ein ganzes
Jahr spielen müssen. Das sind hier sind, die Proben mitgerechnet, zwei Monate,
in denen ich Spaß habe, in denen die Weihnachtszeit zelebriert wird. Man kommt
durch das Stück in eine ganz besondere Stimmung, schmückt die Garderobe wie
bekloppt, was ich sonst eigentlich nicht mache. Aber das wird durch das ganze
Drumherum so aus mir herausgeholt.
„Man nimmt etwas mit nach Hause“
Chris Murray: Also es ist
die berühmteste Weihnachtsgeschichte der Welt – außer der christlichen. Ich bin
mit ihr aufgewachsen. Ich habe Scrooge schon im Schauspiel gespielt und zwei
andere Musicals, denen diese Geschichte zu Grunde lag, gemacht – und eine Oper.
Und es ist wirklich ein unfassbar starker, alle ansprechender Stoff. Da lernt
man etwas fürs Leben und über den wahren Geist von Weihnachten. Es ist nicht
umsonst ein Klassiker. Scrooge ist eine tolle Rolle, deshalb habe ich gleich
zugesagt, als Dirk-Michael Steffan mich gefragt hat. Ich liebe Stücke, die eine
Aussage haben. Es ist eine Geschichte, wo man etwas zu sagen hat. Hier finde
ich, trotz aller Komik, trotz aller Traurigkeit, man nimmt etwas mit nach Hause.
Anne Welte: Du hast da
natürlich auch eine Rolle, in der Du viel zeigen kannst im Schauspiel. Sie ist
wandelbar ohne Ende.
Tränen und Schenkelklopfer
Chris Murray:
Sie
ist wunderbar. Es macht mir so einen Spaß, alles dran zu setzen, das
Publikum mit auf diesen Weg zu nehmen. Und wenn ich das nicht schaffe, dann habe
ich versagt. Darum setze ich alles daran, dass die Leute nicht nur irgendwelche
Schenkelklopfer haben, sondern dass wir gemeinsam auch eine geheime Träne
weinen. Wenn Scrooge im Bett aufwacht, sich umsieht und denkt/sagt „Auch Du
meine Fresse…“, das ist uns allen schon mal passiert. Und genau dieses Gefühl
möchte ich erwecken, in dieser Sekunde, in diesem Moment. Da geht es nicht drum,
dass Mann einfach im Bett sitzt und wir spielen das jetzt oberflächlich durch.
Ich möchte, dass sich in jeder Situation, in jeder Sekunde irgendwo,
irgendjemand unter den tausenden Augen, die draußen sitzen, irgendwann selbst
gespiegelt sieht. Das ist mein Ziel.
Anne Welte: Ich fände es
schön, wenn der ein oder andere etwas für sich privat mitnimmt von dem, was er
vielleicht gerade gesehen und/oder gelernt bzw. abgeleitet hat. Vielleicht denkt
er sogar ein klein wenig über sich nach, über sein eigenes Verhalten gegenüber
anderen, seine Fehler usw. So ein bißchen Selbstreflektion halt.
Chris Murray: Aber dieses
Stück, diese alte Geschichte von 1843, ist doch wirklich nicht weit von uns
entfernt. Man schaue doch nur auf die jüngste Wirtschaftskrise, an deren Folgen
wir immer noch kurieren. Doch die Manager kassieren schon wieder Boni, die in
ihrer Höhe alles übertreffen, was jemals dagewesen ist. Sie haben alle
Staatshilfen bekommen, und die haben sie sich in den eigenen Säckel gesteckt.
Scrooge ist nicht weit. Wir alle haben einen kennen gelernt. Und deshalb finde
ich das Stück so grandios. Und was Dirk-Michael Steffan mit seiner Umdeutung des
Stoffs erreicht hat, er hat ihn auf seine Weise in seiner Sprache vielen
zugänglich gemacht.
Anne Welte: Es ist ja ein
Familienmusical. Auch Kinder sollen und können es verstehen
.
Chris Murray: Ohne das der
Stoff jetzt herunter gedummt worden ist. Das Publikum ist intelligent und denkt
mit.
Ihr macht beide prinzipiell keine Long-Run-Produktionen
mehr. Warum nicht?
Anne Welte: Vor zehn Jahren
nach „Tanz der Vampire“ in Stuttgart war für mich damit Schluss. Ich habe mehr
davon und lerne auch mehr, wenn ich mehrere andere Sachen pro Jahr mache,
durchaus auch kleinere. Ich werde dadurch mehr gefordert, als wenn ich ein Jahr
lang achtmal die Woche als Rebecca oder die Madame Thénardier auftrete. Da habe
ich einfach keinen Bock mehr drauf. Ich könnte dann all die anderen schönen
Sache, die ich so liebe, gar nicht realisieren, beispielsweise Tecklenburg,
zwischendurch eine Gala oder die Kreuzfahrt-Shows. Ich bin jetzt 45 und will mir
das nicht mehr antun. Ich setze meine Akzente anders.
Chris Murray: Für mich war
das auch eine Grundsatzentscheidung, die ich vor sieben, acht Jahren getroffen
habe. Ich wollte künstlerisch einen anderen, neuen Weg gehen und mich auf
ausgesuchte Projekte an Stadt- und Staatstheatern konzentrieren. Das engt mich
nicht so ein und beschert mir so viele unterschiedliche und schöne Rollen, wie
sie sich mir in einem Long-Run-Betrieb nie erschlossen hätten. Ich freue mich
über jeden Tag, an dem ich wieder etwas Neues in Angriff nehmen kann. Meine Frau
und ich hatten einmal zusammengerechnet und kamen auf 3.500 Vorstellungen, die
ich in großen Produktionen gespielt habe. Da habe ich für mich entschieden: Es
ist höchste Zeit, etwas anderes zu machen!
Wieviel Zeit hattet Ihr für die Proben?
Chris Murray: Drei Wochen.
Das war ziemlich hurtig. Was mich aber freut, ist, dass sich das Stück zu einer
richtigen Großproduktion gemausert hat, mit viel Bühnenbild, viel Licht und
Projektionen. Es lebt, es bewegt sich etwas, es passiert etwas. Da wird immer
mit Herz und Liebe dran geschraubt.
Deine Lieblingsszene in diesem Stück?
Chris Murray: Die
Schlussszene. Nach der tief emotionalen Sequenz an Belles Grab dann die
unbändige Freude. Ebenezer Scrooge ist plötzlich fröhlich, was er nie zuvor war.
Anne Welte: Apropos: Hast
Du eigentlich mitbekommen, dass ich in Dein bzw. Belles Grab getreten bin? Einen
Tag vor der Premiere, zweite Voraufführung. Ich wollte auf der Bühne Sandy Platz
und stand plötzlich mit beiden Füßen mittendrin. Die Grababdeckung war ja nur
eine dünne Spanplatte und hielt mich natürlich nicht aus. Ich hab‘ mich
hundertmal entschuldigt. Und die habend das Ganze dann wieder repariert. Jetzt
hält sie auch mehr aus.
Diesmal ist ja wieder ein ganz neuer Engel am Start..
Chris Murray:
Oh
ja. Da muss ich hier jetzt mal eine Lanze für Sandy (Mölling) brechen, die hier
ihre erste Musicalrolle spielt. Sie ist eine hochprofessionelle, ehrliche
Kollegin. Sie nimmt ihre Sache sehr ernst. Es ist wunderbar, mit ihr zu
arbeiten. Ihr prophezeihe ihr hier noch viele schöne Abende.
Drei Kreuze vorm Servieren
Anne, bist Du denn schon mal bei der stakkatohaften
Aufzählung von Mrs. Fezziwigs Menü-Rezepturen aus dem Takt gekommen oder hast
etwas durcheinander geworfen?
Anne Welte: Ich bekreuzige
mich immer dreimal, bevor ich da mit dem Tisch herausgefahren werde. Ich könnte
mich in einem solchen Fall ja noch drüber mogeln, wenn ich beispielsweise das
Dessert vor der Suppe serviere, aber dann stimmt die ganze Choreografie für die
anderen nicht mehr und die Szene gerät völlig durcheinander. Ist aber bis dato
glücklicherweise noch nicht passiert. Toi, toi, toi….
Chris Murray: Das genau ist
ja auch der große Unterschied zwischen uns Musiktheater-Darstellern und den
Kollegen aus dem reinen Schauspiel. Wir sind ja hier im Musical und nicht im
„Sprech-ical“. Es ist wie eine Maschine, die läuft. Du kannst sie nicht stoppen
und einfach aussteigen. Beim Schauspiel kannst Du anhalten, mal gucken, wo bin
ich, umphrasieren…. Du wirfst ein paar bedeutungsschwangere Blicke in die Runde
– und es geht weiter. Hier aber fällt der kleinste Lapsus und die kleinste
Abweichung sofort auf. Da ist der Spielraum fürs Improvisieren äußerst klein.
Anne, was sind Deine weiteren Pläne?
Anne Welte: Also, ich mach
jetzt erst mal bis 30. Dezember Geist der Weihnacht …
Chris Murray:
Nee, sag‘ bloß. Im Ernst? Das ist ja’n Ding…
(lacht).
Anne Welte: Dann habe ich
ein Konzert am Silvester hier in Köln, gönne mir anschließend ein paar Tage USA
und gehe dann in Lau bei Nürnberg mit „Sekretärinnen“ meine erste Regiearbeit
an. Ich spiele da auch nebenbei mit. Premiere ist am 10. Februar. Das Stück
läuft im Repertoire des Theaters bis zum Sommer. Dazwischen geht’s dann noch für
vier Wochen auf die MS Columbus bis nach Sydney. Im Sommer dann noch ein
längeres Engagement, über das ich aber noch nicht sprechen darf. Und dann haben
wir ja fast schon wieder Oktober. Dann steht meine traditionelle Gala “Anne
Welte & Friends“ ins Haus.
Ein potentieller „Friend“ sitzt Dir ja gerade gegenüber…
Anne Welte: Ja, ich habe
mit Chris schon drüber gesprochen. Wenn’s sein Terminplan zulässt, ist er gerne
dabei.
Chris, Deine nächsten Tatorte?
Chris Murray: Im
Frühjahr steht noch mal Jekyll & Hyde in Dresden an, anschließend spiele ich den
Valjean in der einzigen 2011 erfolgenden deutschsprachigen Neuinszenierung von
Les Miserables in Innsbruck. In Baden bei Wien übernehme ich bei Les Miz danach
wieder Rolle des Javert. Und zwischendurch immer noch ein paar Konzerte, Galas
oder kürzere Engagements wie beispielsweise Jesus Christ in Darmstadt.
Wie entspannt ihr?
Anne Welte: In meiner
Zweitwohnung in Florida.
Chris Murray: Im Kreis von
Frau und Kindern. Ich bin ein ausgeprägter Familienmensch. Das ist für mich
Erholung.
Klauen, Speichern, Abrufen
Wie bereitet Ihr Euch auf neue Rollen vor?
Chris Murray: Es gibt so
viele talentierte und unglaublich gute Kollegen. Ich versuche da alles zu
klauen, was sich nicht wehrt – und dann für mich zu benutzen. Es wäre vermessen,
zu behaupten, ich würde und könnte das Rad jedes Mal neu erfinden. Was natürlich
nicht davon entbindet, dass man sich frühzeitig und genau mit dem jeweiligen
Stück und der Partitur vertraut macht.
Anne Welte: Es sei denn, Du
bist bei einer Uraufführung. Da musst Du die Rolle schon selbst entwickeln und
erarbeiten, was natürlich hoch interessant, aufregend und spannend ist.
Ansonsten gilt aber auch für mich, was Chris gesagt hat. Man kann immer viel von
anderen Kolleginnen und Kollegen lernen – und sei es auf Vorrat. Will heißen:
Wenn mir etwas in Ausdruck, Betonung, Gestik oder Mimik besonders gefällt und
zusagt, speichere ich das. Oft kann man das irgendwann einmal gebrauchen
und abrufen.
Abschlußfrage: Ist das für Euch ein großer Unterschied, ob
die Musik vom Band kommt, oder von einem richtigen, leibhaftigen Orchester
gespielt wird?
Chris Murray: Ja sicher.
Ich finde es viel besser, wenn die Musik live ist. Das ist und wirkt
einfach lebendiger.
Anne Welte: Du hast ja
nicht immer das gleiche Publikum. Und der Dirigent, der spürt und fühlt die
Stimmung. Er muss ja quasi mit dem Publikum mit atmen. Und er kann die Musik
anziehen, wenn er merkt, oh, die Zuhörer fallen ab. Dann kann er schon
gegensteuern und mehr Tempo in die Show bringen. Wenn Du mit Halbplayback
arbeitest, hast Du diese Steuerungselemente nicht. Das ist dann eher
statisch und immer gleich.
Chris Murray: Aber es ist
eine Frage des Geldes und letztendlich auch des Ticketpreises. Wenn Du als
Produzent Abend für Abend 15 Musiker bezahlen musst, dann muss sich das auf die
Tarifgestaltung niederschlagen. Das ist nun mal so.

Keine Angst vorm schwarzen Mann: Zwischen zwei Shows standen Ebenezer Scrooge
(Chris Murray)
und Mrs. Fezziwig (Anne Welte) Da Capo Rede und Antwort.
Und dabei war dann auch Zeit für ein kleines Erinnerungsfoto mit einem jungen
Fan.
Fotos: Jürgen Heimann

Mrs. Fezziwig kocht gut und gerne – Anne Welte weniger: „Aber für Spiegeleier
reicht es allemal“.

Auch bei Chris Murray hat die Maskenbildnerin ganze Arbeit geleistet.