Tecklenburger Sommer-Plaudereien: Femke Soetenga und Yngve Gasoy-Romdal
Holländische Navis, Adrenalin und
Payback-Punkte
Zwischen Hauen, Stechen, grünem Tee
und Latte Macchiato
Es war Sommer, nicht Winter, auch wenn der Nachname der
Dame anderes besagte. Und deshalb kam Milady auch im leichten, weißen
Schulterfreien. Unbewaffnet. Ungefährlich. Entspannt, Gut gelaunt. Erstaunlich
für jemanden, der weiß, dass er abends sterben wird. Aber die hübsche
Niederländerin ist ein Wiedergänger, so eine Art Steh-auf-Frauchen, dem, auch
wenn es sehenden Auges ins offene Messer rennt, ein paar Zentimeter Stahl nichts
anhaben können. Das gehört schließlich zu ihrem Beruf, und den macht sie
hervorragend. Quasi aus dem Nichts im Münsterland aufgetaucht, nötigte sie allen
binnen kürzester Zeit Respekt und Bewunderung ab. Dabei ist sie gar nicht so neu
im Geschäft. Wer sich nur ein kleines bisschen in der Szene auskennt, weiß, wo
er nach ihren Spuren zu suchen hat. In Nordhausen und Dresden beispielsweise,
oder in Essen und Hamburg, bei Jekyll & Hyde, Tanz der Vampire oder Chess. Nur
einige von vielen Stationen, an denen die Sopranistin mit den verträumten,
großen dunkelbraunen Augen ihre Pflöcke eingerammt hat.
Den Namen der Künstlerin phonetisch korrekt auszusprechen,
stellt den durchschnittlich sprachbegabten West-Germanen anfangs schon vor
einige Probleme. Das muss man erst trainieren. Aber mit einiger Übung geht’s:
Femke Soetenga. Wobei die erste Silbe des Nachnamens nicht wie „Ö“,
sondern wie „OU“ artikuliert wird. Dafür gibt aber dann zum Schluss als Zugabe
statt des „GA“ ein rachitisches „CH“. Dies aber nur nebenbei, für unsere
sprachwissenschaftlich interessierten Onomatologen.
„Die nächste Ausfahrt rechts“
Die quirlige, lebensfrohe Actrice
mit dem offenen Lachen hat immer mehrere Baustellen – gleichzeitig, parallel.
Das erfordert Planung, Weitblick und logistische Flexibilität. Aber das in
vielen Dutzenden Produktionen gestählte „Meisje“, das nebenbei noch als
Fotomodell und Sprecherin für DVD’s und digitale Museumsführer jobbt, ist
Profi genug, da nichts durcheinander zu werfen. In diesen Tagen erst hat sie
eine Navigationssoftware für ihre niederländischen Landsleute besprochen, so
eine Art Tulpenland-Tom-Tom. Da heißt es dann, je nachdem, wie heftig sich der
Kollege verfranzt hat, unter Umständen „Omkeren
alstublieft“ (Bitte wenden!), „De eerste afslag rechts“ (Die nächste
Abfahrt rechts) oder „Stop alstublieft zo snel mogelijk, u zit op de verkeerde
weg“. (Bitte halten Sie sofort an, Sie sind auf dem falschen Kurs).
In dieser, nun zu Ende gehenden Saison stand Femke aber mit beiden Beinen fest im Teutoburger Wald, oder zumindest an dessen Ausläufern. Tecklenburg war für sie vorrübergehend zum Dreh-, Angel- und Lebensmittelpunkt geworden, auch wenn vorher oder zwischendrin andernorts noch die ein oder andere Verpflichtung wartete.
Keine Angst vor langen Schatten
An den Deutschen Sommer-Broadway war die Dozentin für Gesang
und Schauspiel erstmals engagiert worden. Hätte sie Angst vor langen Schatten
und großen Fußspuren gehabt, sie hätte diesem Ruf niemals Folge leisten dürfen,
Aber so… Als Milady de Winter in den „3 Musketieren“ trat „Lucy Harris“ ein
schweres Erbe an, das ihrer großen, populären Landsmännin Pia Douwes. Selbige
hatte diesen Part bereits in der Rotterdamer Welturaufführung gespielt, und
später auch in Berlin. Alle Nachfolgerinnen würden und werden sich daran messen
lassen müssen. Aber kein Problem für Miss Soetenga. Unbekümmert, selbstbewusst
und ehrgeizig stürzte sie sich in die Proben. Es war dies ihre erste nachhaltige
Begegnung mit den Getreuen König Ludwig XIII. Begleitet und gefördert von einer
auf vielen Ebenen innovativen Regie glückte ihr auf Deutschlands größter
Musical-Freilichtbühne dann ein perfekter Einstand.
Das Publikum liebt sie, trotz der charakterlichen Ambivalenz
der von ihr verkörperten Bühnenfigur. Milady ist ja
handlungsbedingt nicht gerade „Everybodys Darling“. Als eine von Rache
getriebene, in sich zerrissene, gebrandmarkte, aber immer noch und bis zuletzt
auf etwas persönliches Glück hoffende Frau wird sie schließlich zur (eiskalten)
Mörderin. Und wer hat sie dazu getrieben? Ein bigotter, machtgeiler,
intriganter, selbstherrlicher und lüsterner Kardinal. Üble Typen wie
diesen hat die römisch-katholische Kirche in ihrer 2000 Jahre langen Geschichte
ja nicht gerade selten hervorgebracht hat.
Die Qadratur des Stein-meiers
Das Verhältnis zwischen Ihrer Eminenz und Milady ist
nicht ganz konfliktfrei und beruht, formulieren wir es zurückhaltend, nicht
gerade auf Respekt, Achtung und Sympathie. Anders ausgedrückt: Sie können
sich nicht ausstehen, brauchen einander aber, um ihre jeweiligen Ziele zu
erreichen. Ganz anders im realen, zivilen Leben. Da verstehen sie sich prächtig.
Und das mutet fast schon so an wie die Quadratur des Stein-meiers: Er, dessen
Bühnen- Herz ja angeblich nicht aus Stein ist, sie, eine gebürtige Stein-heimerin,
zusammen auf der Freiterrasse eines Cafés im Kreis Stein-furt (dazu gehört
Tecklenburg nämlich gebietspolitisch). Zufall oder nicht. Den freien Nachmittag
vor der nächsten Show nutzten die beiden zu einem zwanglosen Plausch bei grünem
Tee bzw. Latte Macchiato. Tecklenburger Sommerplaudereien.
Seinen scharlachroten Porpora hat der
Kirchenfürst in seiner Dienstwohnung gelassen und sich in legeres Räuberzivil
geschmissen. Yngve Gasoy-Romdal hat seiner reizenden Kollegin eines voraus. Er
stand schon öfters auf dem Balkon des Münsterlandes im Scheinwerferlicht –
zuletzt vergangenes Jahr als „Che“ in „Evita“. Für ihn ist es aber auch
erst die zweite Komplettsaison dort. „Ein Traum, hier den ganzen Sommer über
spielen zu können,“ sagt er. „Ich“, mischt sich seine Kollegin ein, „würde auch
liebend gerne wiederkommen“. Vielleicht wird’s ja. (Payback-)Punkte genug haben
beide ja schon sammeln können. „Diese Ruhe hier“, schwärmt der Norweger.
Man sei einfach gezwungen, runter zu kommen. Das sei wie Erholung.
Abgesehen davon, in Teck auf der Besetzungsliste zu stehen, kommt in der Branche
ja mittlerweile einem Ritterschlag gleich.
Aber es kann auch ganz schön hart sein: „Normalerweise
hat man sechs bis acht Wochen, um eine solche Inszenierung auf die Beine zu
stellen“, sagt der Nebenerwerbs-Kardinal. „Wir hatten gerade mal zwei, und dann
noch mal sieben Tage, um die Show mit dem Orchester durchlaufen zu lassen“.
Dass es funktioniert hat, ohne im Endergebnis Abstriche machen zu müssen, habe
auch daran gelegen, dass viele Beteiligte, samt und sonders die Musketiere in
der ersten Reihe, schon über einschlägige 3M-Erfahrungen verfügten. Sonst hätte
es nicht hingehauen. Er selbst und auch Milady hingegen mussten bei Null
anfangen. Etwas neidisch ist der skandinavische Top-Künstler auf seine fidele
Partnerin aber schon. Weil: Sie durfte fechten, er nicht. Und einen Degen
hätte er allzugerne auch geschwungen. Da wurde aber rollenbedingt nix draus,
auch wenn Fighter-Coach Malcom Ransom ernsthaft darüber nachgedacht hätte. Der
hatte seine Schäfchen schon eine Woche vor dem offiziellen Probenbeginn antreten
lassen, um ihnen das kleine Einmaleins des Hauen und Stechens beizubiegen.
Hoch hinaus und ganz tief runter
„Das war wunderbar“, schwärmt Femke.
„Ich hatte vorher noch nie so ein Ding in der Hand. Wenn ich von der Bühne
gekommen bin, war ich immer etwas außer Puste. Aber ich habe nur Spaß dabei
gehabt. Eigentlich ist das Degenfechten, so wie wir es hier praktiziert haben,
völlig ungefährlich, weil ihm eine exakte Choreografie zu Grunde liegt. Aber so
ein gewisser Kick war schon dabei“.
Apropos Kick: Den suchen und finden die Beiden noch ganz
woanders, ab- und jenseits der Bühnenbretter. Er ist in dieser Hinsicht
eher ein Luftikus, der hoch hinaus will, sie stapelt, wörtlich genommen,
tief und pflegt die entgegengesetzte Richtung zu nehmen. Während
Gasoy-Romdal ein passionierter Aeronautikfan ist, der sich, wenn sich die
Gelegenheit ergibt, auch schon mal (als Passagier) auf ein veritables
Kunstflugprogramm einlässt, ist Femke Soetenga der Faszination des Tauchens
erlegen. Gluck, gluck, weg war sie!
Auf des Norwegers
Selbsterfahrungs-Programm stehen demnächst erst einmal Drachenfliegen und
Fallschirmspringen. „Da muss ich auch mal drüber nachdenken, aber ich glaube,
ich bin dabei“, insistiert seine Adrenalin-affine Kollegin. Über diese und
ähnliche abgehobenen sportlichen Disziplinen könnten beide stundenlang
schwadronieren, kommen bzw. kamen, was die Praxis anbelangt, in Tecklenburg
mangels geeigneter Möglichkeiten aber nicht auf ihre Kosten. Dafür hat das
Städtchen durchaus andere Qualitäten. Die (Gast-) Freundlichkeit seiner
Menschen, beispielsweise, und die genießen die Künstler besonders.
Willkommen in einer großen Familie
„Man fühlt sofort, dass man willkommen ist“, sagen
Femke und Yngve unisono. Auch die Arbeitsatmosphäre sei eine ganz
Besondere. „Das ist ein richtiges Wir-Gefühl hier“, schwärmt die
Niederländerin. Man verstehe sich als eine große Familie und lebe dies auch so.
Da ist kein Platz für Eitelkeiten oder Selbstdarsteller. Die Sache zählt.
Erklärtes Ziel aller ist, einen guten Job und damit eine gute Produktion
abzuliefern“. Spaß mache vor allem auch die Zusammenarbeit mit den
vermeintlichen Laien, also dem großen ehrenamtlichen Chor und der Statisterie
der Freilichtspiele. „Die Leute sind unglaublich engagiert und geben alles“,
sagt Gasoy-Romdal. Femke: „Das fängt ja schon beim Intendanten an. Der kümmert
sich um alles und sich selbst nicht zu schade, die Blumen zu gießen oder die
Bühne zu fegen. So etwas überträgt sich“.
Sprachliche Tücken
Obwohl beide Künstler beispielsweise über
eine gebündelte Jekyll & Hyde-Erfahrung verfügen (er als solcher, sie als Lucy),
hatten sie vor Tecklenburg noch nie gemeinsam auf den Brettern gestanden, weder
beim Wildhorn-Grusical, noch in einer anderen Produktion. Deutsch sprechen beide
nahezu perfekt, auf der Bühne hört man nicht den leisesten Akzent heraus – auch
Dank ungezählter phonetischer Trainingseinheiten. Aber, die deutsche
Sprache birgt auch gewissen Tücken und Fallstricke, wie sich die niederländische
Maid schmunzelnd erinnert: „Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt erzählen
soll. Das war so peinlich!“ In Hamburg war’s, ganz zu Anfang ihrer
Germany-Karriere. Bei den tanzenden Vampiren in der Neuen Flora hatte die
tauchende Holländerin die Rolle der „Magda“ weg. Sowieso schön spät dran,
musste sie auf dem (Rad-)Weg zum Theater kräftig in die Pedalen treten. Der
Gegenwind blies heftigst und machte Bikerin zu schaffen. Atemlos und erschöpft
parlierte sie den missbilligenden Blick der Garderobiere mit den
entschuldigenden Worten „Ich bin fix und Fertig vom Blasen“.
Damit kennt sich auch Yngve Gasoy-Romdal
auch aus. Auf der Posaune ist er ein Virtuose, spielt nebenbei Geige, Viola,
Bratsche und …. perfekt Kirchenorgel. Sie hätte als Kind gerne Harfe gelernt,
vergaß das aber, nachdem, der Herr Papa darauf bestand, sie müsse das
Instrument jeweils selbst mit dem Fahrrad in die Musikschule transportieren und
wieder zurück.
Und die Pläne für die nächste Zeit?
„Wir überlegen, was wir gemeinsam anstellen können“. Aber es könnte noch dauern,
bis sich beider Wege wieder kreuzen. Femke Soetenga wird erst einmal ihre
Verpflichtungen am Theater Nordhausen und in der Staatsoperette Dresden
erfüllen, wo sie in den dortigen J&H-Inszenierungen in ihrer Paraderolle als
„Lucy“ zu sehen ist. Über weitere Deals mag sie nicht reden, so lange die
nicht in trockenen Tüchern sind. Yngve Gasoy-Romdal tourt ab Dezember gemeinsam
mit seiner Lebensgefährtin Leah Delos Santos mit Jekyll-& Hyde durch Deutschland
(mit an Bord sind auch die neue „Päpstin“ Sabrina Weckerlin und „Altmeister“
Reinhard Brussmann), um dann im Sommer auf dem Magdeburger Domplatz das „Biest“
zu mimen. Tecklenburg bleibt für beide erst eine schöne Erinnerung – die
sich aber vielleicht auch mal wieder auffrischen lässt. Schaun’ mer mal.
JÜRGEN HEIMANN

Auf der Bühne sind sich der Kardinal und Milady nicht gerade
in Sympathie zugetan….
Foto: Heiner Schäffer

… im zivilen Leben verstehen sie sich jedoch prächtig.
Yngve Gasoy-Romdal und Femke Soetenga.
Tee- and Latte-Time auf der Café-Terrasse. Gut gelaunt und ganz entspannt im
Tecklenburger Hier und Jetzt.
Foto: Jürgen Heimann

Immer voller Kraft
voraus: Femke Soetenga hat Ehrgeiz, Power, Talent – und Charisma.
Und sie gibt immer alles. Foto: Heiner Schäffer
Engel , Opfer,
Killerin: Ein Mädel aus dem Tulpenland sammelt Symphatie- und Paybackpunkte.
Foto: Heiner Schäffer.

Weist ihren
Landsleuten den Weg: Die Navi-Stimme des Tulpenland-Tom-Tom . Foto Heiner
Schäffer
Weben und Geben:
Eine Künstlerin mit vielseitigen Interessen. Foto: Heiner Schäffer