Märchenhafter Spuk im Kölner „Dome“
Kotzbrocken mutiert zum Sympath: Chris Murray auf der
weihnachtlichen Geisterbahn
Bereits seit 2001, alle Jahre wieder, spukt er nun schon mit schöner
Regelmäßigkeit durch die Lande. Vorzugsweise in der Adventszeit. (Klar, zu
Ostern, Pfingsten oder im Hochsommer müssten sich Mr. Scrooge, Marley, Belle und
Co ja auch etwas deplatziert vorkommen). Der Plot gebietet es halt, dass der
„Geist der Weihnacht“ nun mal um das Christfest herum die Glöckchen klingen
lässt. Und er ist inzwischen zur festen Größe geworden. In diesem Jahr entfaltet
Dirk Michael Steffans farbenprächtiges, wunderschön-fantasievolles
Familienmusical in Kölle am Rhein seinen sprichwörtlichen Zauber. Seit 23.
mutiert im hiesigen Musical Dome Abend für Abend ein unausstehlicher
Stinkstiefel zum sympathischen Philanthropen.
Das Stück basiert auf Charles Dickens‘ weltberühmter und 1843 erstmals
veröffentlichte Erzählung „A Chrismas Carol“, der neben der „echten“
Weihnachtsgeschichte um die Geburt Jesu wohl bekanntesten, berührendsten und
schönsten Christfeststory aller Zeiten. Und selbige wird seit neun Jahren an
wechselnden Standorten mit viel Liebe, Detailversessenheit und Enthusiasmus
musical-isch in Szene gesetzt. Wie bereits
Höhen und Tiefen
Steffans Bemühen, den Dickens-Stoff in ein klangvolles Bühnenmärchen für Groß
und Klein zu verpacken, war anfangs noch belächelt worden, von einigen
Platzhirschen der Branche, aber auch von „schlauen“ und neunmalklugen
Theaterkritikern. Doch die Überheblichkeit ist inzwischen in Respekt
umgeschlagen. Der Medienprofi, Journalist, Autor und Komponist aus Gelsenkirchen
zog sein Ding unbeirrt durch – und das ist auch gut so. Mit der
Welt-Uraufführung 2001 im damaligen TheatrO CentrO in Oberhausen, das neuerdings
ja Metronom-Theater heißt, war der Grundstein für Erfolgsstory gelegt, Höhen und
Tiefen inklusive.
Natürlich hat das Stück im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren, szenische,
dramaturgische und solche bei den Dialogen und Arrangements. Aber die
Grundstruktur blieb unangetastete. Und die Sache funktioniert nach wie vor,
heuer vielleicht sogar besser denn je. Es stört nicht (oder kaum), dass die
aufwendige Orchestrierung „nur“ vom Band kommt, das Ganze also bei Live-Gesang
eine Halbplayback-Veranstaltung ist. Würde man dahingehend aufrüsten und
leibhaftige Musiker einsetzen, wären die Preise nicht zu halten. Als „Musical
für die ganze Familie“ muss man sich dahingehend ja erst recht an bestimmten
tariflichen Schmerzgrenzen orientieren. Bei „Bonifatius“ oder „Elisabeth- die
Legende einer Heiligen“ beispielsweise kam der Sound ja auch aus der Konserve,
ohne dass dieser Umstand diesen hochklassigen Produktionen zum Nachteil
gereichte.
Ein ganzer Sack voller schöner Melodien
Steffans Partitur beinhaltet eine Fülle schöner, eingängiger Melodien, von denen
sich nicht wenige in den Gehörgängen festsetzen. Dazu zählen das als
Reprise immer wieder auftauchende „Folge mir“, das wunderschöne „Ein Leben
lang“, das eindringliche „Scrooge, wach‘ endlich auf“, das zynische (Weihnachten
ist)“Rattendreck“ oder das überschäumende, burleske „Oops, das tut uns leid“.
Unheimliche Begegnung der dritten Art
Die Mitte des 19. Jahrhunderts in England angesiedelte Handlung im
Telegrammstil: Ebenezer Scrooge ist als Geschäftsmann genau so erfolgreich wie
als Mensch unausstehlich. Ein mitleid- und gefühlloser, raffgieriger Kotzbrocken
par excellence, der seinen Mitmenschen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln
gönnt und seine Untergebenen und Schuldner gnadenlos ausbeutet. Also ein
Soziopath wie aus dem Bilderbuch. An Heiligabend hat der diplomierte Unsympath
dann eine unheimliche Begegnung der dritten Art. Sein alter Kumpel und
Geschäftspartner Jakob Marley, der seit 20 Jahren tot ist, redet ihm in das
nicht vorhandene Gewissen. Er tut das nicht ganz uneigennützig. Marley ist als
Geist dazu verdammt, sein Dasein zwischen den Dimensionen zu fristen, er ist
weder lebendig, noch ist er tot. Erst dann, wenn es ihm gelingen sollte, Scrooge
zu einem besseren Menschen zu machen, winkt die Erlösung. Also versucht er das
mit Unterstützung eines guten Dutzends Schicksalsgenossen, die wie er rast- und
ruhelos zwischen den Welten pendeln. Die Therapie schlägt nicht an. Erst als der
Engel Belle auftaucht, und die beiden auf einer himmlischen Zeitreise in die
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begleitet, in deren Verlauf Mr. S. sich
wiederholt selbst begegnet und erkennt, was er seiner Umgebung antut und angetan
hat, beginnt die Verwandlung zum Gutmenschen.
Schmunzeln, Lachen, Leiden, Weinen
Im Grunde genommen ist die Storyline, in die Dickens‘ einen gehörigen Schuss
Sozialkritik an den Zuständen seiner Zeit gekippt hat, schlicht. Sie will
bühnengerecht aufbereitet sein, und zwar so, dass sich ein konstanter, von
Hängern freier Spannungsbogen ergibt, der nicht nur einfach gut unterhält,
sondern auch mitreißt und mitfühlen lässt. All das gelingt dem Stück. Es zielt
auf das Herz, das Ohr und den Bauch – und es trifft. Wen das alles völlig
unberührt und kalt lässt, dem ist sowieso nicht zu helfen. Solche emotionalen
Krüppel soll es ja auch geben. Die findet man im Publikum der aktuellen
Spielzeit jedoch so gut wie nicht. Die zwischen Poesie, Dramatik und Humor hin
und hergerissenen Zuschauer lachen, schmunzeln, leiden und, jawoll, sie weinen
auch. Und damit hat eine Musical- und/oder Theaterproduktion ihr Klassenziel
allemal erreicht.
Murray spielt mit exzessiver Inbrunst
Jede Inszenierung steht und fällt zu einem großen Teil auch mit der Qualität der
Cast. Und in dieser Hinsicht haben die Spieler beim Weihnachtsgeist in Köln ein
ziemlich gutes Blatt auf der Hand. Allen voran Chris Murray: Die Figur des
(schließlich geläuterten) Fieslings zeichnet der umtriebige Tausendsassa mit
nachgerade exzessiver Inbrunst, in all ihren differenzierten Facetten.
Authentisch, überzeugend, wuchtig – und mit einer wohl dosierten Brise Komik.
Auch Scrooge’s Wandlung von Böse zu Gut wird in Murrays Diktion zu (ganz) großem
Kino, wie der Cineast es formulieren würde. Der gebürtige Braunschweiger,
man weiß es inzwischen, spielt seine Rollen nicht (nur), er ist die
spiegelbildliche Identifikation derselben. Hier verschmelzen Kunstfigur und
eigenes Ich zu einem Ganzen. Keine Frage: “Konrad von Marburg“ agiert
längst in der Premium-Liga der deutschsprachigen Musicalszene und zählt zum
Besten, was diese hervorgebracht hat.
Angesichts der Omnipräsenz von Mr. Scrooge nimmt sich Anne Weltes Anteil an der
Show vergleichsweise bescheiden aus. Doch der hat es in sich. Allein der
durchchoreografierte A-Capella-„Rap“ „Nur eine Kleinigkeit“, in dessen Rahmen
die quirlige Saarländerin als „Mrs. Fezziwig“ Rezeptur und Zustandekommen des
üppigen Weihnachtsfestessens rekapituliert, lohnt den Besuch. Eine treibende,
schreiend komische Revuenummer.
Der Zauber eines (No)Engels
Jahrelang hat sie (recht erfolgreich und glaubhaft) behauptet, kein Engel zu sein. Aber genau als ein solcher kommt Ex-„No Angles“-Sängerin Sandy Mölling jetzt doch daher. Und sie macht als „Belle“ einen richtig guten Job. Vor ein paar Jahren hatte Ron Holzschuh an gleicher Stelle noch als Tanzboden-Casanova in „Saturday Night Fever“ reüssiert, um seinen weißen Angeberanzug nun gegen den morbiden Spinnenweben-, Schlösser- und Kettenlook „Marleys“ zu vertauschen. Als halbtoter Geist ist der Mann aus Zwickau in sein geliebtes Stammhaus zurückgekehrt, um sich daselbst mit Murray die Bälle zuzuspielen. Axel Kraus hingegen zählt zu den „Geistern“ der ersten Stunde und gehörte als Mr. Fezziwig schon zur Premieren-Cast in Oberhausen. Egal ob Maciej Salamon als „Mr. Crachit”, Annette Kuhn als seine Angetraute, Lukas Weinert als gehbehinderter “Timmy” oder Iris Werlin als „Mrs. Pommeroy“, das gesamte Ensemble agiert mit viel Enthusiasmus und einer großen Portion Hingabe.
Den vorjährigen Weihnachts-Spuk im Düsseldorfer Capitol-Theater kann man sich
inzwischen in Gestalt einer aufwändig produzierten DVD auf die heimische
Mattscheibe projizieren. Aber die Magie dieses wunderschönen Märchens entfaltet
sich erst im Ambiente eines Theaters. Bis einschließlich 30. Dezember besteht im
Kölner Musical-Dome noch die Gelegenheit, sich davon be- und verzaubern zu
lassen. Eine aktuelle CD-Einspielung mit der Kölner Cast kommt in diesen Tagen
in den Verkauf. JÜRGEN HEIMANN

„Flotter Dreier“ als „Trio optimal“: „Marley“, „Belle“ und „Scrooge“ alias Ron
Holzschuh,
Sandy Mölling und Chris Murray (v.l.) hauchen dem Weihnachtsgeist in Köln Leben
ein.
Foto: Thomas Brill

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft:
Die Inszenierung im Kölner Musical Dome ist farbenfroh und schwungvoll. Sie
bietet viel für Herz, Auge und Ohr.

Es ist angerichtet: Mrs Fezziwigs Rezept-Rap ist allein schon einen Besuch
wert.
Dieses Foto stammt von der letztjährigen Inszenierung in Düsseldorf.
Anne Welte macht diese turbulente Revue-Nummer in Köln zum Showstopper.
Foto: bb-promotion

Ready for Take off: Marley, Belle und Stinkstiefel Scrooge starten zu
einer
Sightseeing-Tour in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Foto: bb-promotion

Doch ein Engel: Ex-„No Angles“-Sängerin Sandy Mölling macht als „Belle“
eine gute Figur.
Foto: Thomas Brill