Witzig, pointenreich, charmant, flott, mitreißend, turbulent, farbenprächtig
Gershwin im Münsterland: Tecklenburg punktet mit einer
packenden „Crazy for you“-Version
Erste Saison-Premiere auf Deutschlands größter Musical-Freilichtbühne: Und
sie war grenzwertig. Aber das gilt allenfalls und nur für das Wetter, nicht die
Produktion. Letztere ist grandios. Eine Show voller Witz und Charme, gewürzt mit
turbulenten Verwechslungsszenen, flotter Musik und mitreißenden Tanzeinlagen.
Gershwins „Crazy for you“ steht in diesem Jahr als Haupt-Inszenierung auf dem
Spielplan der Tecklenburger Freilichtspiele. Was anfangs vielleicht wie eine
Verlegenheitslösung aussah, weil es mit der Rechteerteilung für andere
favorisierte Wunschstücke klemmte, entpuppt sich letztlich als Volltreffer.
Teilweise aus dem Vollen geschöpft hatte, meteorologisch betrachtet, aber auch
Petrus, oder wer immer für diese feuchte Suppe verantwortlich zu machen war.
Heftige Schauer, die sich mit anhaltendem, ungemütlichen Nieselregen
abwechselten, machten den kollektiv spielfreudigen Akteuren bei der Premiere am
25. Juni das Leben schwer. Aber die hielten tapfer durch, angespornt von den
Beifallsstürmen des weitestgehend im Trockenen sitzenden Publikums. Und so wurde
das Ganze doch noch zu einem runden, spritzigen und großartig unterhaltenden
Musical-Feuerwerk.
Intendant Radulf Beuleke, im Hintergrund immer mit einer Hand am roten Knopf,
brauchte die Notbremse nicht zu ziehen. Ein vorzeitiger Abbruch, samt und
sonders während einer Premieren-Show, hätten er und die Seinen auch als eine Art
Super-Gau empfunden, von den Besuchern ganz zu schweigen. Aber so weit musste es
dann Gott sei Dank nicht kommen. Wenngleich: Der nasse-glitschige
Bühnenboden machte den Künstlern doch arg zu schaffen und barg einiges an
Risikopotential, insbesondere bei den schwungvollen und temporeichen Tanz- und
Stepp-Einlagen. Apropos: Um diese entsprechend um- und in Szene setzen zu
können, hatten die Verantwortlichen unter 300 Bewerbern die 20 besten Tap-Dancer
auserkoren und damit, wie sich zeigte, eine hervorragende Wahl getroffen.
Choreograf Danny Costello formte daraus ein unglaublich präzise und synchron
agierendes Ensemble, dessen adäquate Performance der Vorlage alle Ehre machte
und diese gleichzeitig auf innovative Art und Weise weiter entwickelte. Da
glühen die Metallplättchen unter den Schuhen. Fred Astaire und Ginger Rogers
hätte ihre helle Freude daran gehabt.
„Crazy for you“ hat (glücklicherweise) nix mit Madonnas
gleichnamigem Song gemein, auch nicht mit der ebenso betitelten
David-Hasselhoff-Schnulze. Das Stück ist vielmehr eine mit anderen Hits,
Filmmusiken und bis dahin unveröffentlichten Melodien Gershwins angereicherten
Überarbeitung der Gershwin-Show „Girl Crazy“ (Uraufführung 1930) und existiert
in dieser Art erst seit
Herrliche Melodien zeitlos und unsterblich
Wortwitz, Pointen, Persiflagen
Für die Inszenierung verantwortlich zeichnen im Theater auf der Burg Andreas
Gergen und Christian Struppeck, ein kongeniales Gespann, das als Deutschlands
kreativstes Regie-Team der jüngeren Generation gilt. Und es gönnt den Zuschauern
kaum eine Atempause. Ständige entwickeln sich zwischen lustvoll arrangierten
Massenszenen und eindringlichen Soli abseits des großen Geschehens kleine
Rahmenhandlungen, die im Verlaufe der Show konsequent weiter ausgebaut werden.
Sie wechseln sich mit mitreißenden Tanznummern, glänzend zelebriertem Wortwitz,
Evergreens, Pointen, Persiflagen und fast im Minutentakt erfolgenden
Kostümwechseln ab. Da fliegen die Fäuste und rauchen die Colts. „CfY“ in der
Diktion von Struppeck und Gergen ist eine unverwüstliche, hochtourig fahrende
Spaßmaschine, in die eine turbulente, von gleich mehreren Happyends gekrönte
Lovestory eingebunden ist.
Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt: Verwöhnter Bankiersspross aus
New York, der nur Tanzen im Kopf hat, aber von Geldgeschäften rein gar nix
versteht, wird von seiner dominierenden Mutter (in Teck gespielt von Iris
Welten) als Insolvenzverwalter in das verschlafene Nevada-Kaff Deadrock
geschickt, um dort ein heruntergewirtschaftetes Theater abzuwickeln. Seine
letzte Chance, sonst droht Taschengeldentzug. Bobby Child verliebt sich aber
prompt in Polly Baker (Filipina Henoch), die bildhübsche, aber ebenso resolute
Tochter des Etablissement-Besitzers und rettet das Haus, in dem er mit eine
fulminante Show auf die Beine stellt, die auf Wochen für ein ausverkauftes Haus
sorgt und selbigem wieder zur Zahlungsfähigkeit verhilft.
Paraderolle für Marc Seitz
Die Rollen sind maßgeschneidert und exzellent besetzt. Marc Seitz gibt als Bobby
Child sozusagen den „Headbanger“ des Abends. Der Baden-Württemberger tanzt und
steppt wie der Teufel und singt nebenbei hervorragend und mit großer Hingabe.
Seitz kostet jede Pointe aus, überschreitet aber nie die Grenze zum Klamauk.
Welch ein komödiantisches Talent! Jenseits der großen Mainstream-Produktionen
ist der junge und vielseitige Allrounder (Sänger, Schauspieler, Gesangslehrer,
Komponist, Texter), der sich als „Bobby C.“ in „Saturday Night Fever“ erste
Meriten erwarb, in den vergangenen Jahren zu einem künstlerischen Schwergewicht
gereift, das man im Auge behalten sollte.
Selten so gelacht
Weil er ob seiner zweifelhaften Mission bei seiner Angebeteten nicht landen
kann, verkleidet sich Child als Broadway-Produzent Bela Zangler (Mathias
Schlung). Beide haben das gleiche Problem: Die Mädels, in die sie sich verguckt
haben, zeigen ihnen die kalte Schulter. Das führt, als der echte und der falsche
Zangler in dem Wüstennest aufeinandertreffen, zum Frust- und Kummersaufen, aus
dem sich eine Slapstick-Nummer entwickelt, die Ihresgleichen sucht. Die
Zuschauer brüllten vor Lachen.
Erste Wahl
Als Bobby Childs Dreamgirl Polly Baker erleben wir Filipina Henoch, vielen noch
als „Sophie“ der Berliner und Stuttgarter Mamma-Mia-Produktionen in bester
Erinnerung. Als zweimalige deutsche Vize-Meisterin im Stepptanz war die Aktrice
für die Rolle der Polly sowieso von Anfang an erste Wahl. Und sie enttäuscht die
hohen, in sie gesetzten Erwartungen nicht. In den Soli und Duetten zeigt sie
ihre vokale Klasse. Ihr Spiel ist packend und hingebungsvoll.
Aber auch die kleineren Parts sind mit Bedacht und zudem populär gecastet. Als
mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart lebender Theaterbesitzer Everett
Baker gibt der große Reinhard Brussmann sein Tecklenburg-Debüt, und das stilvoll
und mit der ihm eigenen Souveränität. Möge dieser großartige Künstler künftig
noch öfters vom Balkon des Münsterlandes auf die Zuschauerreihen blicken – und
vor allem singen. Mit „Granaten-Anne“-Welte auf der Besetzungsliste macht man
sowieso nichts verkehrt. Die Saarland-Röhre kann diesmal als Patricia Fodor, die
mit ihrem Man Eugene (Frank Winkels) für einen Reise- und Restaurantführer über
Nevada in Deadrock recherchiert, mit viel Mimik und Körpersprache ihre
komödiantische Seite voll ausleben. Aber auch Peter Kaempfes „Lank Hawkins“,
listig-verschlagener Betreiber der örtlichen 0,5-Sterne-Spelunke, ist nicht von
schlechten Eltern.
Ab in den Westen!
Karin Albertis kreativer Kostümreichtum und das schlichte, aber funktionale und
wandelbare Bühnenbild von Susanna Buller tun ein Übrigens, die Show abzurunden.
Mag ja sein, dass „Crazy for You“ zunächst einmal nicht die Sogkraft der
zeitgemäßeren Produktionen der Vorjahre erreicht, weil es in den Augen vieler
aus der Klamottenkiste des Genres hervorgekramt scheint. Aber das ist ein
Trugschluss. Im Tecklenburger Freiluft-Theater wurde selten so herzhaft gelacht
und frenetisch applaudiert wie gerade bei und nach dieser Inszenierung –
und das zu Recht. Gerade auch die jüngeren, eher auf “modernere“ Stücke fixierte
Musical-Fans sollten sich darauf einlassen. Sie werden es nicht bereuen. Es
lohnt sich. Gelegenheit dazu besteht noch bis einschließlich 26. August. Go
West! JÜRGEN HEIMANN

Hahn im Korb: Inmitten Zanglers Revuegirls fühlt sich Boby Child alias
Marc Seitz sichtlich wohler als in Mamas Bank. Foto: Heiner Schäffer

Broadway-Produzent Bela Zangler (Mathias Schlung/links) ist nicht sonderlich
angetan von
Bobbys choreografischen Fähigkeiten. Foto: Heiner Schäffer

Die temperamentvolle Polly Baker (Filipina Henoch) lässt keinen Zweifel daran,
was sie von den Avancen des Bankiersohnes Bobby hält. Foto: Heiner Schäffer

Wortwitz, Pointen, Persiflagen: „Granaten“-Anne Welte recherchiert als Patricia
Fodor
mit ihrem Mann Eugene (Frank Winkels) für einen Reise- und Restaurantführer im
Wilden West
Foto: Heiner Schäffer

Zum Brüllen: Synchronsaufen aus Liebeskummer. Der echte und der falsche
Broadway-Produzent Bela Zangler
treffen im Wüstenkaff Deadrock aufeinander. Daraus entwickelt sich eine
Slapstick-Nummer, die die Ihresgleichen sucht.
Foto: Heiner Schäffer

Große Namen zieren die Besetzungsliste. Zum ersten Mal in Tecklenburg dabei:
Reinhard Brussmann (links)
als Theaterbesitzer Everett Baker. Rechts Peter Kaempfes als
listig-verschlagener Spelunkenwirt Lank Hawkins.
Foto: Heiner Schäffer

Die „Gretel von der Post“: Die schöne Polly ist in Deadrock auch für die
Briefzustellung zuständig.
Da lassen sich die Cowboys doch gerne von ihr bedienen. Foto: Heiner Schäffer

Kneipenwirt Lank Hawkins (Peter Kaempfes) is nicht zimperlich in der Wahl seiner
Mittel.
Das bekommt auch der als Broadwayproduzent verkleidete Bobby Child (Marc Seitz)
zu spüren.
Foto: Heiner Schäffer

Paraderolle für Marc Seitz: Der Baden-Württemberger tanzt und steppt wie der
Teufel,
ist urkomisch und singt nebenbei hervorragend und mit großer Hingabe.
Foto: Heiner Schäffer

Filipina Hennoch war als Polly Baker von Anfang an erste Wahl.
Ganz nebenbei ist die junge Künstlerin zweimalige deutsche Vize-Meisterin im
Stepptanz.
Foto: Heiner Schäffer

Fesche Mädels: Die Revuegirls aus New York erobern die Herzen der
Männerwelt im abgelegenen Wüstenkaff im Sturm. Foto: Heiner Schäffer