Fast ein Fall für die Polizei: Das mysteriöse Verschwinden der Madame Thénardier
Tecklenburg
eröffnet „Ahnengalerie“ der Musical-Stars
Während Ethan
„Dracula“ Freeman ziemlich Furcht erregend aus der Wäsche schaut, zeigt Karin
Seyfried als „Laura Maria Consuela Martinez Montoya Gomez“ ihr strahlendstes
Lächeln und schwingt die schönen Beine. Derweil tischt Spelunkenwirt Martin
Berger alias Monsieur Thérnardier, so eine Art früher französischer Alfons
Schubeck, den ahnungslosen Gästen seines 0,5-Sterne-Restaurantes gepanschten
Fusel auf. Und ein paar hundert Meter weiter zeigt Adrian Becker als
Tanzparkett-Hengst „Roy Fire“ seine choreografische Version des sterbenden
Schwans. Die Vier wissen sich in guter Gesellschaft. Tecklenburg ähnelte in
diesem Sommer einer (Ahnen-)Galerie. Wessen (großformatiges) Foto Aufnahme in
diese Freilicht-Sammlung erlauchter Bühnengrößen fand, darf sich zur Creme der
deutschsprachigen Musicalwelt zählen.
Es war wie eine Zeitreise durch die Inszenierungen der vergangenen zehn Jahre.
Dabei sind die Tecklenburger Freilichtspiele wesentlich älter. Sie feiern, um
genau zu sein, 2009 ihr 85-Jähriges. Doch der Boom, der die Bühne von Erfolg zu
Erfolg trägt, begann eigentlich so richtig erst in den 90-ern. Von „Les
Misérables“ über „Jekyll & Hyde“, „Mozart“, „Footloose“, „Joseph“, „Hair“,
„Dracula“ und „Miami Nights“ bis hin zu den aktuellen Saison-Stücken
„Evita“ und „Aida“ erstreckt sich die Reihe der Erfolgsproduktionen. Und das
Ende der Fahnenstange ist ja dahingehend längst noch nicht in Sicht. Die
Spannung, was Intendant Radulf Beuleke und die Seinen ihrem Publikum in der
kommenden Saison vorzusetzen gedenken, ist entsprechend hoch. Fest steht
bereits, dass die „West Side Story“ auf dem Spielplan steht. Was die zweite
große Produktion angeht, da laufen die Verhandlungen um die Aufführungsrechte
noch auf Hochtouren.
20 an markanten Stellen des Tecklenburger Stadtgebietes platzierte Megaposter in
den Maßen 1,25 x 1,75 Meter begleiteten die Besucherströme in diesem Sommer auf
ihrem Weg ins Freilichttheater. Sie stammen aus dem Fundus von Bühnenfotograf
Heiner Schäffer, der alle Inszenierungen der vergangenen Jahre mit seiner Kamera
auf Zelluloid bzw. Chip gebannt und eine persönliche Auswahl der schönsten
Motive daraus getroffen hat. Und es sind echte Hingucker, die Erinnerungen an
unvergessliche Musicalabende wachrufen.
Die Plakatwände sollen im Eingangsbereich des Burgtheaters in einer Art
Dauerausstellung ihren endgültigen Platz finden. Allerdings nicht alle. Vier
davon sind für die Fans bestimmt, wobei das Credo gilt, das Angenehme mit dem
Nützlichen/Guten zu verbinden. Sie werden meistbietend für einen guten Zweck
versteigert – zu Gunsten der Aktion „Fans für Kids“, einem von Ralf
Schaedler gegründeten Hilfswerk, das sich um krebskranke Kinder kümmert.
Einsendeschluss 31. Oktober
So kamen die beiden diesjährigen Tecklenburg-Debütanten Anna Montanaro und Yngve
Gasoy-Romdal am 12. September unter den Hammer. Die von den Künstlern
handsignierten Poster haben während der großen Da-Capo-Geburtstags-Gala neue
Besitzer gefunden. Zwei weitere dieser eindrucksvollen Aufnahmen werden im
Rahmen einer Leserauktion versteigert, und zwar das von Adrian Becker alias „Roy
Fire“ („Miami Nights“) und das von Marc Clear als „Inspektor Javert“ aus „Les
Misérables“. Die beiden Exponate sind ebenfalls handsigniert. Sie gibt es als
UV-beständige, selbstklebende Folie.
Kidnapping
Kleine Schmonzette am Rande: Fast wäre die Plakatierungsaktion von Tecklenburg
ein Fall für die Polizei geworden. Über Nacht verschwand das Bildnis von Katja
Berg, die bei „Les Mis“ als “Madame Thénardier“ zu sehen war. Die Vermutung,
dass der Diebstahl auf das Konto eines Fans ging, lag nahe. Er muss Helfer
gehabt haben, da eine Person allein das sperrige Ausstellungsstück schwerlich
transportieren kann. Am Tatort fanden sich noch Spuren durchschnittener
Kabelbinder, mit denen das Bildnis am Treppenaufgang befestigt war. Strafanzeige
zu erstatten erschien immerhin als eine Option, zumal das gute Teil nicht nur
einen hohen ideellen Wert besaß. Auch die Herstellungs- und Materialkosten waren
erheblich. Inzwischen ist der knifflige Kriminalfall gelöst. Er war quasi
hausgemacht. Wie sich herausstellte, hatten Techniker der Bühne das Bildnis
eigenmächtig (und weil es angeblich bei irgendetwas im Wege war) demontiert und
an anderer, kaum einsehbarer Stelle wieder aufgehängt. JÜRGEN HEIMANN

„Evita“ Anna Montanaro (Foto Mitte) signiert, beobachtet von „Juan Perón“ Marc
Clear (im Hintergrund) auf dem Tecklenburger Marktplatz „ihr“ Plakat. Links
Adrian Becker. Bühnenfotograf Heiner Schäffer (rechts) hat die Innenstadt
in eine „Ahnengalerie“ der Musical-Stars verwandelt. An 20 markanten Stellen
hängen Szenenfotos aus den schönsten Inszenierungen der vergangenen Jahre, wie
beispielsweise die von Karin Seyfried (links) als Salsa-Queen „Laura Gomez“ und
Adrian Becker (rechts) als „Roy Fire“ aus dem Tanzspektakel „Miami Nights“.
Fotos: Heiner Schäffer

Wirbel um Frau Wirtin: „Madame Thénardier“ alias Katja Berg verschwand quasi
über Nacht – ist aber reumütig zurückgekehrt. Zunächst glaubte man in
Tecklenburg an einen Diebstahl durch einen Fan. Dann stellte sich heraus, dass
Bühnentechniker das Bildnis eigenmächtig entfernt und an anderer, schwer
einsehbarer Stelle wieder platziert hatten. Foto: Heiner Schäffer