Stuttgarter Nachrichten vom 21.01.2009
Der Vater der Kompanie
Im Leben und auf der Bühne: Jon Agar schlüpft in viele Rollen
Er war eine Katze, ein Rock-"n"-Roller, ein Operndirektor, ein Pater und ist nun
im Möhringer Musicaltheater bei „We Will Rock You" ein Scherge der Killerqueen.
Doch Jon Agar ist nicht nur auf der Bühne wandlungsfähig, auch im Leben hat er
nach der richtigen Rolle gesucht. Er studierte, zapfte Benzin, kochte,
servierte, kontrollierte Flugreisende und bewachte die Festung Britannien, ehe
er sein Glück als Sänger fand.
VON FRANK ROTHFUSS
Kashoggi quält, foltert und mordet, ist herrisch gegenüber Untergebenen,
unterwürfig gegenüber der Chefin, kurzum, der Mann ist ein Kotzbrocken. Und ein
Traum für einen Darsteller. Lieber Pfadfinder oder Kinderschreck? Keine Frage
für Jon Agar. „Eine interessante Figur mit vielen Facetten" sei dieser
Geheimdienstchef, sagt der 37-jährige Engländer, der Kashoggi seit zwei Jahren
im Musical „We Will Rock You" verkörpert. Erst in Zürich, seit November 2008 nun
im Apollo-Theater in Möhringen.
Dort sitzen wir in der Kantine, schmucklos ist es hier, einige Reihen Tische und
Stühle stehen quer im Raum. Jede Jugendherberge hat mehr Glamour. Agar wirkt
weniger wuchtig, kleiner und schlanker als auf der Bühne. „Ich habe schon ein
paar mehr Pfunde als die Tänzer", sagt Agar, streichelt seinen Bauch und
schmunzelt dabei. Aber an den richtigen Stellen: So manchem seiner Kollegen
möchte man gerne einige Pfunde seiner Ausstrahlung schenken. Agar hat eine
enorme Präsenz. Weil er singen kann, natürlich, aber vermutlich auch, weil er
einige Umwege genommen hat in seinem Leben.
Aufgewachsen in einem Dorf in Mittelengland ging er nach London zum
Musikstudium. „Das war eine aufregende Zeit", erinnert er sich, „die Stadt war
groß und galt es zu erkunden." Dabei blieb wenig Zeit zum Studium. London ist
teuer. Er arbeitete als Koch, als Kellner, als Tankwart, schließlich „las ich
eine Annonce in einer Zeitung: der Bundesgrenzschutz in Heathrow suchte
Mitarbeiter." Er bewarb sich und wurde genommen. „Fünf Jahre blieb ich dort",
sagt er, „ich kontrollierte die Menschen, die von außerhalb Europas nach England
flogen."
Jon Agar verteidigte die Festung Großbritannien gegen illegale Einwanderer. „Das
ging an die Nerven", sagt er, „und ich weiß es wirklich zu schätzen, wie gut es
mir geht und dass ich so gut leben kann." Natürlich sei es anstrengend, jeden
Tag gut drauf sein zu müssen, und das Umherziehen sei nicht einfach. So ist
seine Frau Claudia Stangl, die er in Stuttgart bei „Mamma Mia!" kennengelernt
hat, derzeit in Essen engagiert. „Wir sind viel unterwegs", sagt Agar, „und das
muss man, wenn du dem Geschäft treu bleiben willst." Und das will er.
Als er damals in Heathrow Pässe kontrollierte, wurde ihm klar: „Ich möchte auf
der Bühne stehen!" Also verbrachte er seine Freizeit in Theatern. „In England
gibt es viele Amateurtruppen", sagt er, „da muss man zahlen, um Mitglied zu
sein." Agar kaufte sich ein: „Ich habe in drei, vier Musicaltruppen in
verschiedenen Städten gespielt." Er fand Geschmack an der Sache. „Ich wollte
versuchen, mein Geld damit zu verdienen." Aber in London braucht man Agenten, um
sich bewerben zu können. Ohne ist es fast unmöglich, an Rollen zu kommen. „Dann
kannst du nur zu einem freien Vorsingen gehen. Aber die sind wie auf dem
Viehmarkt, da bekommt man nach 20 Sekunden zu hören: der Nächste bitte!"
Da kam eine Anzeige im Fachblatt „The Stage" gerade recht. In Hamburg suchten
sie Leute für „Buddy Holly". Er durfte in London vorsingen. Drei Wochen später
kam die Zusage. Agar zog nach Hamburg, und „beim ersten Auftritt machte ich mir
schier in die Hose: 1500 Menschen, dieses Gefühl war unglaublich". Drei Jahre
spielte er den Big Boper, dann bis 2001 in Hamburgs „Cats" den Old Deuteremony.
Schließlich kam das Stück zur Resteverwertung nach Stuttgart, Agar zog mit. Und
blieb fünfeinhalb Jahre, trat in „Phantom der Oper" und „Mamma Mia!"auf.
Deutschland, das ist Heimat geworden. „Die Lebensqualität und die Qualität der
Shows sind besser hier", sagt er, „ich fahre nach England nur noch zu Besuch."
Perfekt Deutsch spricht er mittlerweile, seine Schwiegereltern haben ihn gar in
die Kunst des Gurkenpflückens eingewiesen. „Die haben eine Essiggurkenfabrik."
Kein Wunder, dass er bei solch intimer Kenntnis deutscher Bräuche für viele
junge Mitglieder des Ensembles der Ansprechpartner und Stadtführer ist,
sozusagen der Vater der Kompanie.
Zwei Jahre war er fort aus Stuttgart. 2006 ging er nach Zürich. „We Will Rock
You" stand auf dem Programm. „Ich bin mit der Musik von Queen aufgewachsen",
sagt er, „ich hatte die Platten zu Hause."
War es da nicht merkwürdig, Freddie Mercury nachzuahmen? Da widerspricht er
heftig. „Wir singen nicht wie Freddie: Wir interpretieren die Lieder, jeder auf
seine Weise", sagt er, „wir ehren die Musik, jeder weiß, dass er kein
Freddie-Klon ist." Das gilt auch für die Zweitrolle, in die er demnächst im
Queen-Musical schlüpft: als Altrocker und Kneipier Bap. Kein Fiesling, ein
Guter. Doch man darf darauf hoffen, dass Agar ihm Profil verleiht.
Schließlich ist er in vielen Rollen zu Hause.

