Heimspiel und furioses Finale für Elisabeth: Die Marburger feierten ihre Heilige
Das packende Historien-Musical legt nach drei Spielzeiten erst einmal eine Pause
ein – Jetzt ist „Bonifatius“ wieder am Zug
Die Heilige Elisabeth als Wiedergängerin? Todsicher! Als Musical-Titelheldin
liegt sie, wie die gesamte Produktion auch, jetzt erst mal auf Eis – bleibt
dadurch aber auch länger frisch. Das (vorläufige) „Aus“ bedeutet für das
tapfere Mädel jedoch nicht das durch „Konrad von Marburg“ in einem anderen
Zusammenhang dunkel prophezeite Ende aller Zeiten bzw. Tage. Die „spotlight“-Musicalproduktion
hat bereits angekündigt, das Stück nicht in der Versenkung verschwinden zu
lassen. Die Verantwortlichen wären ja auch mit dem Klammerbeutel gepudert….
Bestärkt in diesem Entschluss haben Produzent Peter Scholz und die Seinen auch
die enthusiastischen Reaktionen des Publikums im Hessischen Marburg, der
Wirkungsstätte der historischen Figur, über deren Grabmal im frühen 13.
Jahrhundert auch die nach ihr benannte Elisabethkirche errichtet wurde – ein
Meisterwerk der deutschen Frühgotik übrigens.
Die prächtig-prunkvolle Hallenkirche wurde in Folge zu einem bedeutenden
Wallfahrtsort des späten Mittelalters. Noch heute zehrt die Universitätsstadt
vom Ruhm und den (guten) Taten der hier im blühenden Alter von 24 gestorbenen
ungarischen Königstochter (1207-1231). Der Erfolg des Musicals, das, so der
Untertitel, die „Legende einer Heiligen“ skizziert, mag zum Teil ebenfalls
Ausfluss dieses ungebrochenen Hyps sein – aber nicht nur. Er beweist nämlich
zugleich, dass nicht nur der „fliegende Holländer“ oder die anderen mit ihm
konkurrierenden großen Platzhirsche der Branche packende und stimmige
Inszenierungen auf die Bühnen bringen können, und zwar durchaus auch solche, die
(trotz ihres Lokalkolorits) bundesweite Beachtung finden und Bedeutung haben.
Und die kleine Fuldaer Produktionsfirma hat ja noch mehr Eisen im Feuer.
In Marburg, wo „Elisabeth“ - kurzfristig wegen der großen Nachfrage anberaumte Zusatzvorstellungen inklusive - nur in der letzten Dezemberwoche antrat und dabei ob der historischen und örtlichen Wurzeln quasi ein Heimspiel hatte, war es irgendwie auch eine Abstimmung mit den Füßen. Die Veranstalter erzielten mit einer durchschnittlichen Auslastung von 93 Prozent eine Marke, von der andere nur träumen können. Und das in einer profanen, nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Grabmahl der Titelfigur entfernten Stadthalle. (Viel-)Zweckbauten dieser Art sind im Gegensatz zu den meisten festen Theaterspielstätten atmosphärisch jenseits von Gut und Böse und haben etwa so viel Ambiente wie ein mit Neonlicht ausgeleuchtetes Einkaufszentrum nach Ladenschluss. Dass sich der Zauber des laut Eigenwerbung „erfolgreichsten deutschen Historien-Musicals“ selbst in einem solchen tristen Umfeld entfalten konnte, ist selbstredend und spricht für dieses von Reinfried Schießler inszenierte Werk und seine inhaltliche Kraft. Von der mitreißenden Musik ganz zu schweigen. Da besitzt fast jeder Song, ob wuchtige, dynamische Ensemblenummer oder schlichte, gefühlvolle Ballade, Ohrwurmqualität.
Es regnete Rosen
Über hundert rote Rosen regneten nach der Derniere aus dem Zuschauerbereich auf
die Künstler herab, aber das hatte nichts mit dem „Rosenwunder“ zu tun, das
romantisierende Religionschronisten der Witwe des Thüringer Landgrafen Ludwig
schon sehr früh angehängt bzw. angedichtet hatten und das natürlich auch die
Autoren nicht unberücksichtigt lassen konnten. Für Buch, Komposition und
Liedtexte zeichnen Dennis Martin und Peter Scholz gemeinsam verantwortlich. Die
Cast - eine exquisite und homogene Ansammlung herausragender Akteure, die
sich mit einer souveränen Leistung aus dem Hessischen verabschiedeten. Dazu
zählten neben der brillant agierenden Hauptdarstellerin Sabrina Weckerlin u.a.
Kristian Vetter (Wolfram von Eschenbach), Mara Dorn („Bettis“ Schwiegermama
Sophie), Chris Murray, Nobert Conrads (Konrad von Marburg), Lucius Wolter
(Elisabeths Gemahl Landgraf Ludwig), Christian Schöne (Heinrich Raspe) und Jesse
Garon (Walther von der Vogelweide). Hinter den Akteuren lag eine anstrengende
Zeit mit zumeist zwei Vorstellungen pro Tag.
„Work in Progress“
Das Ensemble war seit der Uraufführung im Jahr 2007 im Landestheater Eisenach personell nahezu konstant geblieben. Warum auch während eines erfolgreichen Rennens die Pferde wechseln? Inhaltlich hingegen hat es im Laufe der Zeit mitunter gravierende Veränderungen gegeben. Und die beschränkten sich nicht nur auf dem Handlungstempo zugute kommenden szenische Straffungen oder Dialog-Kosmetik. So ist beispielsweise in der letzten Spielzeit die ans Herz rührende Finalnummer „Es gleitet ein Traum durch die Zeit“ weggefallen. Dies, um die Zuschauer nicht mit einem Zuviel an Epilogen zu überfordern. Stattdessen rückte als neues Element und veritabler Showstopper ein auf Konfrontation ausgelegtes Duett zwischen Elisabeth und dem zum Inquisitor mutierten fanatischen Priester-Taliban Konrad in den Brennpunkt.
166 Shows mit knapp 100.000 Besuchern
Fast 100.000 Besucher haben das 166 mal aufgeführte Stück seit seiner Uraufführung gesehen. Das erscheint im Hinblick auf die dreijährige Laufzeit zunächst nicht viel. Aber „Elisabeth“ war ja von Anfang an nicht als „Long-Run“ konzipiert, sondern wurde pro Saison an beiden Standorten jeweils nur für wenige Wochen bzw. Tage gespielt. Vielleicht liegt gerade auch in dieser Verknappung der große Zuspruch mit begründet. Und ganz nebenbei fielen noch 80.500 Eurodollars an Spenden für die Carreras-Stiftung und 15.000 EUR für die Fassadenrestaurierung des Eisenacher Theaters ab. Auch das eher ungewöhnlich, dass die Künstler nach jeder Show für einen guten Zweck die Spendenbüchse herumreichen.
„Boni“ schwingt die Axt in Fulda und Erfurt
Dass es eine Wiederaufnahme von „Elisabeth – Legende einer Heiligen“ geben wird,
steht fest. Das Wann wäre noch zu klären. Doch jetzt geht es erst einmal ein
paar Jahrhunderte auf der Zeitschiene zurück. Missions-Guru „Boni“ ist am
Drücker, die heidnischen Germanen auf den rechten Glaubensweg zu losten und
Odins Heerscharen Saures zu geben. Ganz nebenbei schwingt der streitbare Bischof
die Axt und legt Donars Eiche flach. Das 2004 im Fuldaer Schlosstheater
uraufgeführte, ebenfalls von der „spotlight“ produzierte und nicht minder
eindringliche Erstlingswerk des jungen Komponisten Dennis Martin kehrt vom 23.
Juli bis 8. August dieses Jahres in die nordhessische Bischofsstadt zurück. Im
Anschluss daran gibt es vom 19. bis 22. August ein kurzes „Auswärtsspiel“
(sieben Vorstellungen) in Erfurt. Thüringens Landeshauptstadt ist eng mit dem
Namen „Bonifatius“ verbunden. Auf ihn geht ihre urkundliche Ersterwähnung
zurück. Die Titelrolle übernimmt der „Held der ersten Stunde“: „Altmeister“
Reinhard Brussmann. Er hatte dem eigentlich auf den Namen „Wynfried von
Crediton“ getauften Missionar in der Welturaufführung des Stücks Gesicht und
Profil gegeben. Dies sei eine der Rollen, die ihn selbst am meisten geprägt
hätten“, sagt der Künstler.

Zwischen Tränen, Jubel und Rosen: Sabrina Weckerlin und
das „heilige“ Elisabeth-Ensemble verabschieden
sich von ihrem Hessischen Publikum. In Marburg wurden das Stück und seine
Akteure enthusiastisch gefeiert.
Jetzt liegt die Produktion erst mal auf Eis. Aber eine Wiederaufnahme ist so gut
wie abgemacht. Foto: spotlight

Mit Bibel und Axt gegen Odins
Heerscharen: Reinhard Brussmann schlüpft in diesem Jahr
wieder in die Bonifatius-Kutte. Foto: spotlight